Im Kern falsche Energie

2009-02-10

Aktuell wird wieder viel darüber diskutiert, wieder in die Atomkraft zu investieren, oder wie man gerne sagt, „aus dem Ausstieg auszusteigen“. Selbst Schweden, so hört man, will den Schritt gehen. Noch ist die SPD offiziell dagegen, und damit wäre der Schritt derzeit politisch nicht durchsetzbar.

Ob das so bleibt ist angesichts der bekannten Beständigkeit der Spezialdemokraten nicht sicher; noch weniger sicher ist, ob die Genossen nach der nächsten Wahl für die CDU als Wurmfortsatz überhaupt noch nötig sein werden. Und mit den Westerwellen ist der Wiedereinstieg sicher machbar.

Dabei gibt es in etwa null Gründe, die wirklich für Kernenergie sprechen. Und jede Menge Gründe dagegen. Der Insurrektor möchte diese hier und heute nur kurz kommentiert auflisten.

Bei alldem sollte man das offene Geheimnis nicht vergessen, daß Kernkraftwerke selber risikoreiche Anlagen sind. Harrisburg, Tschernobyl – das sind nur die Spitzen einiger Eisberge. Regelmäßig werden wir von Kleinunfällen überrascht, deren Auftreten kaum noch jemanden überrascht. Überraschen würde es nicht, wenn auch die berichteten „Kleinunfälle“ nur den nicht mehr verschweigbaren Bruchteil der tatsächlichen Unfälle bildeten.

Neben diesem allgemein bekannten, aber immer wieder gern verdrängten und abgeleugneten Aspekt gibt es aber eine Reihe anderer, die selten erwähnt werden, aber in ihrer Gesamtheit die Argumentation gegen Atomkraft erst vollständig werden lassen.

Atomstrom ist nur scheinbar billig

Kernenergie ist, anders als die Lobbyisten uns dauernd erzählen, eine sehr teure Energie. Daß die Industrie dennoch auf Kernenergie zu setzen scheint, liegt daran, daß zum einen die Kraftwerke bereits existieren und amortisiert sind. Mit ihrer Hilfe kann die Energiewirtschaft heftigst Deckungsbeiträge abschöpfen.

Zum anderen wird, in tückisch versteckter Weise, die Kernenergie hoch subventioniert. Der Löwenanteil steckt in der Beschränkung der Haftung im Un-Fall, die das Atomgesetz ausspricht. Normalerweise müßte, bei unbeschränkter Haftung, der Betreiber eine prohibitiv teure Versicherung abschließen. Aufgrund der GAU-Freikarte aber kann er es sich sparen; die Kosten der Haftung tragen wir alle.

Atomstrom ist Energieverschwendung

Zudem ist Kernenergie viel stärker als jede andere Energieform auf eine hochzentralisierte Versorgungsstruktur angewiesen. Die Leitungsverluste sind jedoch einer der größten Primärenergieverbraucher überhaupt. (Hier möchte der Insurrektor nur am Rande anmerken, daß das natürlich auch bei erneuerbaren Energien gilt, weswegen zentrale Großanlagen – ob auf Wind, Wasser oder Sonne basierend – dort nur ausnahmsweise anzuraten wären.)

Natürlich weiß die Energiewirtschaft das. Darum baut sie, wo immer es geht, ihre Kraftwerke dahin, wo die Energie tatsächlich verbraucht wird. Für den privaten Haushalt bedeutete das, Minikraftwerke in den Keller jedes Hauses zu stellen und jedes Dach mit Solarzellen auszustatten.

Nur am Rande sei noch erwähnt, daß die Kohlendioxidbilanz des Atomstroms bei weitem nicht so gut aussieht wie man uns weismachen will. Die Manipulatoren der Atomlobby tun nämlich so, als ob es ausschließlich auf die eigentliche Verstromung ankäme. Tatsächlich wäre aber der gesamte Produktionszyklus zu betrachten, von der Suche nach Uranvorkommen bis zum Ablauf der Endlagerfrist in etlichen Milionen Jahren.

Atomstrom fördert Bomben

Die hochentwickelten Länder können, wenn sie selber auf Nuklearenergie setzen, nicht glaubwürdig den Schwellen- und Entwicklungsländern bessere Produktions- und Distributionsformen vorschreiben. Aber ein Kernkraftwerk in einem instabilen Land, gar in einem potentiell verfeindeten Land, ist der erste Schritt, dieses Land auch militärisch nuklear aufzurüsten. Wenigstens eine schmutzige Bombe läßt sich ohne Hochtechnologie aus dem radioaktiven Abfall jederzeit bauen.

Damit trägt die Verbreitung der Kernenergie bei uns zu ihrer weltweiten Verbreitung bei, und damit auch zur Weiterverbreitung von Atomwaffen. Dies im krassen Widerspruch zu den Zielen des Atomwaffensperrvertrags (non-proliferation treaty) und zu globalen Sicherheitsüberlegungen. Wir proliferieren Nukleartechnologie.

Fehlallokationen

Wie auch beim Öl und bei der Kohle handelt es bei kernenergetisch nutzbaren Rohstoffen um in begrenzter Menge vorhandene Materialien. Egal, wie man die Vorräte einschätzt – sie schrumpfen. Damit kommt man vom Regen der Ölabhängigkeit in die Traufe der Urandependenz.

Die Wette auf Kernenergie führt auf diese Weise zu einer Fehlallokation von Forschungsressourcen im Energiesektor. Anstatt in wirklich zukunftsträchtige Technologien zu investieren, wird der kaum noch steigende Eigenbedarf an Strom in den Industriestaaten in Nuklearanlagen gebunden, und wir verpassen eine erstklassige Chance, an der Spitze der Entwicklung zu bleiben. Gerade für eine Wissensgesellschaft eine fatale Fehlsteuerung.

Das Urteil: Atomkraft Nein DANKE!

Zusammenfassend kann der Insurrektor nur sagen: Egal, unter welchem Aspekt man die Frage der Kernenergie betrachtet, schneidet diese schlecht ab. Sie ist, genau betrachtet, ein Relikt aus den Fünfzigern; eingeführt nur, weil man darin die Option, Nuklearmacht zu werden, nicht verstreichen lassen wollte. Um dem Volk den Bissen schmackhaft zu machen, wurden allerlei Legenden gestrickt, von denen keine einzige sachhaltig ist. Diese Legenden verkleistern noch viele Hirne.

Nietzsche definierte einst den Phantasten als einen Lügner, der seine eigene Märchen glaubt. Der Insurrektor ist sich nicht sicher, ob die, die uns jetzt zu einem „Ausstieg aus dem Ausstieg“ raten, in diesem Sinne „Phantasten“ sind – oder doch nur einfache, zynische Lügner.


Der Revisionist Ratzinger (Benedikt XVI.)

2009-02-03

Derzeit gibt es eine völlig überzogene und fehlgeleitete Diskussion um Joseph Ratzinger, zu der catocon ausführlich Stellung bezogen hat.
Zuzustimmen ist ihm, wenn er schreibt:

Denn daß der Papst oder die katholische Kirche diesen Äußerungen zustimmen, stand niemals zur Debatte. Die katholische Kirche bezweifelt nicht den Holocaust, sondern bemüht sich seit langer Zeit um gute Beziehungen zu Angehörigen der jüdischen Religion. Kritisiert wird in den Medien hauptsächlich die wahlweise “erzkonservative”, “ultrakonservative” oder einfach nur “konservative” Haltung der Piusbruderschaft zu einer ganzen Reihe von Themen, darunter an prominenter Stelle das II. Vatikanische Konzil. Dieses, und darin vor allem die seither in Landessprache zu haltende Messe, lehnt diese Gruppe ab.

In der Tat: Ratzinger hat einige Piusbrüder mit zum Teil zweifelhaften Positionen in allerlei Fragen wieder „in den Schoß der Kirche“ aufgenommen. Eine dieser Positionen, und zwar die, die im Prinzip zur Abspaltung der Gruppe von der Kirche geführt hat, war die Frage nach der Anerkennung des Zweiten Vaticanums.

Neben der verhältnismäßig oberflächlichen Frage der Landessprachlichkeit der Messe, ging es beim Zweiten Vatikanum allerdings primär darum, eine erhöhte Toleranz gegenüber anderen Religionen und christlichen Konfessionen an den Tag zu legen. Die Lateinsprachlichkeit der Messe spielte im Widerstand der Piusbrüder immer nur eine symbolische Rolle.

Nun war Johannes Paul II. in seinen ersten Jahren noch ein klarer Verfechter der Positionen des Konzils gewesen, und hatte unter anderem Lefèbvre selbst die Exkommunikation angedroht. In seinen letzten Jahren allerdings war er diesbezüglich weicher geworden. Der Insurrektor vermutet, daß es der zunehmende Einfluß des Kardinals Ratzinger war, der hier eine Rolle gespielt haben könnte. Jedenfalls hat sich die Position des Vatikans in den letzten Jahren immer weiter von den Grundpositionen des II. Vatikanischen Konzils entfernt. Man denke zum Beispiel an die Androhung der Exkommunikation für den Fall, daß es beim Deutschen Katholikentag zu einer gemeinsamen Kommunion mit den evangelischen Glaubensbrüdern kommen sollte.

In diese Linie paßt denn auch die neuliche Aufhebung der Exkommunikation. Kirchenrechtlich handelt es sich um eine Amtsanmaßung des Pontifex maximus, zudem um eine, die Brücken abbaut, statt sie zu errichten.

Denn die Konzilsbeschlüsse sind ex cathedra verkündete, als „unfehlbar“ angesehene Glaubenslehren. Die Gnadenentscheidung Benedikts hingegen sind „bloß menschliche Handlungen“ des Stellvertreters. Die Exkommunikationen entfernten Personen aus den Rängen der Kirche, die sich exlizit gegen deren unfehlbare Weisheit gestellt hatten. Damit, daß er diese ohne deren Reue „zurückgeholt“ hat, setzte sich Ratzinger konkludent handelnd selber in Opposition zu den offiziellen Glaubenslehren.

Das sollten die Bischöfe kritisieren. Für die mangelnden Geschichtskenntnisse eines englischen Piusbruders hingegen ist Bendikt XVI. nicht verantwortlich. Das ist dessen Privatsache.

Sein Abrücken von den per Konzilsbeschluß gebauten Brücken hingegen ist nicht – wie catocon fälschlich annimmt – von der Tradition getragen. Es ist revisionistisch und von keiner kirchlichen Tradition getragen.

Ein perönliches Nachwort: Dem Insurrektor ist eine lateinische Messe wesentlich sympathischer als jede noch so gutgemeinte landessprachliche Fassung. Aber er ist weder Katholik noch überhaupt gläubig.


Senfsalat für Helmut Schmidt

2008-12-30

Wenn einer wie Helmut Schmidt neunzig Jahre alt wird, dann meint nahezu jeder, der die politische Landschaft länger als seit gestern oder vorgestern beobachtet, seinen Senfsalat zur Geburtstagsparty tragen zu müssen als hinge das Gelingen der Fete gerade von dieser unverlangten Speise ab. Man mag das nervig finden, aber niemand ist schließlich gezwungen, auch hiervon zu kosten.

Vielleicht am nervigsten ist es für das Geburtstagskind selber. Will man doch in dem relativ eng gewordenen Kreis der Übriggebliebenen feiern. Andererseits dürfte es auf Anerkennung bedachte Personen wie den (chronologisch) fünften Kanzler der BRD freuen, daß ihr damaliges Reden und Tun noch nachwirkt, mehr oder weniger kritisch so etwas wie gewürdigt wird. Da nimmt man schon gern hin, daß der Neunzigste Geburtstag alles andere als ein Dinner for One wird, sondern eher eine Eintritt-frei-Bier-und-Salat-mitbringen-Veranstaltung ist.

So kann auch der Insurrektor wie Oscar Wilde allem widersthen außer der Versuchung. Da er dem Gedränge der eigentlichen Geburtstagsfeier am 18.12.2008 aus vielerlei Gründen nicht zugeneigt war, kommt er verspätet mit seinem Senfsalat, der vielleicht nicht schmeckt, vielleicht aber doch. In lockerer Folge also nun ein paar Bemerkungen, ohne viel Kunst angerührt:

Die Flut

Damals Innensenator in Hamburg war Schmidt zuständig für die Koordination der Rettungsmaßnahmen im Rahmen der Großen Flut von 1962. Vorher wohl eher nur Insidern bekannt, wurde der Sozialdemokrat über Nacht berühmt.

Besonders spektakulär war dabei, daß er auch die Bundeswehr mit in die Rettung einbezog. Die Wikipedia (Stand: 30.12.2008) beschreibt das so:

Daneben nutzte Schmidt bestehende Kontakte zu Bundeswehr und NATO, um auch mit Soldaten, Hilfsgütern, Hubschraubern und Pioniergerät von Bundeswehr und Alliierten schnelle und umfassende Hilfe zu ermöglichen. Schmidt schuf damit ein Vorbild für Einsätze von Bundeswehr und Militärressourcen im Inland im Rahmen von Amts- und Nothilfe bei Naturkatastrophen.

Entscheidend ist: Helmut Schmidt schuf nicht einfach nur ein Vorbild; er schuf ein Vorbild dafür, wie man es richtig macht. Ohne eine .gesetzliche Grundlage handelte er, wo es notwendig erschien. Er übernahm Verantwortung, wo andere vor Regeln schwanken und zögern. Wäre es schiefgelaufen, hätte er (mindestens!) seine Karriere vergessen können.

1962 brauchte er keine gesetzliche Grundlage für Situationen, die kein Gesetzgeber so genau vorhersehen kann, wie es für eine klare und verfassungskonforme gesetzliche Regelung erforderlich wäre.

Heute bastelt man an Wischiwaschigesetzen herum, die der Armee weitgehende Befugnisse geben. Damit erreicht man zwar nicht, daß in der tatsächlichen Notsituation besser geholfen werden könnte, aber man entläßt die Verantwortungsträger im Voraus aus der Verantwortung und schafft eine verfassungsfeindliche Kultur von „Gesetzesanwendung“. Zulasten auch der effektiven Hilfe.

Große Koalition Nr. 1

Auch heute leidet das Land, ohne den Leidensdruck zu realisieren, wieder unter einer Großen Koalition. Bei der ersten war Schmidt als Fraktionsvorsitzender der Zuchtmeister. Ihm und Brandt vor allem war es zu verdanken, daß der Juniorpartner anschließend ohne die Union zu Regierungsmacht kam. Hätten damals die heutigen Schattenreiter – keine Namen, keine Details, nicht in der Eulogie auf Kanzler V. – eine Rolle gespielt, wäre die EsPeDe auch damals wieder zurückgefallen.

Die erste große Koalition tat das nicht, was diese Elefantenvermählungen nie tun können: Grundsatzfragen zur Entscheidung bringen. Alle wichtigen Richtungsfragen werden mit knappen Mehrheiten entschieden und gewinnen ihre Fastselbstverständllichkeit erst später.

Aber sie tat, was die heutige nicht schafft: Geringere Fragen technisch sauber in Gesetzesform zu bringen, und die wichtigen Dinge so aufzubereiten, daß zur nächsten Wahl die Richtungen sauber für eine Wählerentscheidung definiert sind.

Damals war’s die FDP, die zum Mitspielen gebraucht wurde. Heute macht sich die SPD ihre potentiellen Koalitionspartner selber madig.

RAF, auch Mogadischu

Rechtlich an der Grenze, aber immer noch im Rahmen der Legalität, war der BGS-Einsatz in Mogadischu. Ein Wagnis, dessen Scheitern den Kanzler den Kopf hätte kosten können.

Wieder einmal übernahm Schmidt Verantwortung, wieder einmal hatte er das Glück des Tüchtigen. In Mogadischu ohne prinzipiellen Widerspruch des Insurrektors.

Anders war es mit den sogenannten Anti-Terror-Gesetzen. Anders war es mit dem Kontaktsperregesetz, jener Ex-post-Selbstabsolution der Gesetzesbrecher in der Regierung.

Die Rechtfertigung, Anwälte würden geheime Anweisungen der inhaftierten „RAF-Führung“ an in Freiheit aktive Terroristen übermitteln, die legendären Kassiber – ein Vorwand, der zudem zeigt, daß die Verantwortlichen die selbstorganisierende Struktur von Netzwerken auch damals nicht verstanden. Es ist wohl tatsächlich schwer für jemanden, der in bürokratischen, klerikalen oder polizeillich-militärischen Organisationen aufgewachsen ist und deren Strukturen verinnerlicht hat, sich etwas vorzustellen, das nicht von oben nach unten durch Befehl und Gehorsam organisiert ist.

Nur ein halbes Ruhmesblatt Schmidts. Auch wenn er dafür wie für Hamburg besonders häufig gelobt wird.

Pershing II

Der Insurrektor möchte heute nicht argumentieren, warum der sogenannte NATO-Doppelbeschluß entgegen der heute erzählten Märchen doch ein gefärlicher Fehler war, der nur zufällig nicht bestraft wurde.

Die Art allerdings, wie Helmut Schmidt diesen Beschluß mit Rücktrittsdrohungen in der SPD gegen den Willen der Mehrheit der SPD durchgeboxt hat, war skandalös.

Inhaltlich mag man über die Stationierungsentscheidungen geteilter Meinung sein – und Schmidt war in dieser Frage auf der dem Insurrektor gegenüberliegenden Seite. Aber die Form des Aufdenkopfstellens innerparteilicher Demokratie war mehr als nur bedenklich.

Ein sehr schwacher Moment des Kanzlers, der ihn gerade noch gegenüber Strauß in der Rolle des geringeren Übels beließ…

Rauchzeichen

Er läßt sich das Rauchen nicht verbieten. Auch heute noch ist er – in dieser Frage, nicht immer – ein Leuchtturmbeispiel gegen den Paternalismus.

Der Insurrektor, selbst ein Raucher, der seit Jahrzehnten stolz darauf ist, Raucher zu sein, ist hier natürlich voreingenommen. Trotzdem:

Als de Gaulle eine maoistische Zeitung verbieten ließ, ernannte sich Jean-Paul Sartre kurzerhand zum Herausgeber dieser Zeitung (La Cause du Peuple) und verkaufte sie auf der Straße vor dem Elyséepalast. Sein Kommentar: „Sollen sie doch Sarte verhaften!“

Als man das öffentliche Rauchen verbot, zündete Schmidt sich ungebrochen seine Zigaretten an. „Sollen sie doch Schmidt anzeigen!“ In beiden Fällen kam’s zu keiner Polizeiaktion.

Geht doch!

Stagflation „Modell Deutschland“

In den 1970ern gab’s ein Phänomen, daß es nach der Wirtschafstheorie, Stand damals, nicht hätte geben können, nicht hätte geben dürfen: Gleichzeitig Stagnation und Inflation.

Eine sehr kluge Wirtschaftspolitik in Deutschland, und ein ungewolltes Handinhandspiel von Bundesbank und Bunderegierung, erreichten immerhin, daß die deutsche Wirtschaft stark unterdurchschnittlich stagnierte, weniger schrumpfte als andere. Dafür lag auch die deutsche Inflation unter dem Durchschnitt – anderswo stiegen die Preise stärker.

Richtigerweise versuchte die SPD 1976 darauf hinzuweisen und mit dem „Modell Deutschland“ Wahlkampf zu machen. Leider verstand man’s im eigenen Lande nicht so recht. Nur knapp verpaßte der dicke Oggersheimer damals die absolute Mehrheit.

Es reicht selbst einem Macher-Kanzler nicht, im Recht zu sein, wenn niemand es so recht versteht. Später knickte er dann übrigens selber vor den Wirtschaftsliberalen ein. Und als es zu viel wurde, machten diese Kohl zum Kanzler VI.

Happy Birthday

Von da an ging’s bergab. Auch Schröder war nicht signifikant besser als Kohl. Die Merkelin soll ganz unerwähnt bleiben.

Verspätet also einen kritisch-distanzierten, aber herzlichen Geburtstagsgruß des Insurrektors an einen der unter dem Strich besten Kanzler der deutschen Geschichte.


Rosinen im Stollen

2008-12-21

Diese Nachricht ist echt süß, das eigentliche Diebesgut war es hoffentlich auch.

Der Insurrektor braucht seiner kleinen Leserschar nicht die Details zu beschreiben. Daher bleibe es bei einem Verweis:

Der Datenskandal bei der Landesbank Berlin (LBB) hat eine überraschende Aufklärung gefunden: Zwei Kurierfahrer wollten damit den Diebstahl eines Weihnachtsstollens vertuschen, wie sie der Frankfurter Staatsanwaltschaft gestanden. Die Ermittler betonten ausdrücklich, dass es sich bei dieser Meldung nicht um einen Scherz handele.

Was sagt uns das?

Nun, erstens sind die Daten, die der Landesbank Berlin medienwirksam abhanden gekommen sind, nicht wirklich in die Hände von kriminellen Adressenhändlern und Abbuchungsbetrügern geraten.

Und zweitens, so scheint die weihnachtliche Stimmung, die diese Aufklärung in uns erweckt, suggerieren zu wollen, war es wieder einmal nur menschliches Versagen.

Also können wir uns jetzt unter den Tannenbaum setzen, Stille Nacht oder Oh du Fröhliche singen? Nein!

Denn ein menschliches Versagen in den komplexen Dynamiken heutiger Mensch-Maschine-Systeme ist immer ein Systemversagen. Hier zum Beispiel hätten die Daten überhaupt niemals auf dem normalen Postweg verschickt werden dürfen; sie hätten verschlüsselt sein müssen; zusätzliche Kontrollen hätten die LBB den Verlust eher bemerken lassen müssen als die FR ihren unerwarteten Zuwachs.

Tatsächlich ist auf eine zugegebenermaßen süße Weise erneut offenbar geworden, daß die großen Datensammler die Sicherheitsfragen in etwa so ernst nehmen wie einen in China umfallenden Sack Reis, der nicht ihnen gehört.

Insofern zeigt uns das Beispiel der Kurierfahrer allerdings wirklich, daß in den Systemen, die wir bauen, nicht so sehr die Maschine das Problem ist als vielmehr die Art und Weise, wie wir mit ihr umgehen.

Nicht das Werkzeug, hier Computer, Kreditkarte, bewirkt als solches den Schaden. Banken und deren Adlaten nehmen ihre Aufgaben im System nicht ernst. Kreditkartenkunden zeigen ihre Informationen herum wie der Kaiser seine neuen Kleider. Das Problem sitzt meist zwischen den Ohren, wird aber der Maschine zugeschrieben – eine gern gebrauchte Ausrede.

Oh ja, und wer sich als Opfer eines Abbuchungsbetruges dem öffentlichen Mitleid anheimgeben will, der sollte sich des Insurrektors Spott gefallen lassen. Vernünftiges Kundenverhalten vorausgesetzt ist dabei allenfalls eine Bank gelackmeiert. Nicht die des vermeintlichen Kundenopfers, sondern die, deren Sachbearbeiter keine Seriosität voraussetzen, wenn sie jemanden „am Abbuchungsverfahren“ teilnehmen lassen. Hier sind die Haftungsregeln systemisch vernünftig ausgelegt.

Deswegen ist allen bilderstürmerischen Ansätzen zu widerstehen. Das System verbessern heißt – hier wie fast überall sonst – checks and balances einzubauen, die Kenntnis des Systems und seiner Abhängigkeiten zu vertiefen und zu verbreitern – und vor der Aktion mit der Maschine das Gehirn einschalten.

Das sind die Rosinen, die wir uns als Individuen und als Gesellschaft aus dem Christstollen herauspicken sollten. Dann war der LBB-Atos-Skandal Große Komödie – ein Lehrstück über die kleinen menschlichen Schwächen und das, was wir daraus lernen können. Bessere Komödie als die billigen Scherze, die uns sonst als Comedy serviert werden.

Eine weihnachtliche Schlußbemerkung des Insurrektors:

Wenn dir unter dem Christbaum ein Stollen fehlt – Mensch ärgere dich nicht. Schlimmer wär’s, wenn statt seiner eine nicht bestellte Datenkollektion das Kerzenlicht reflektierte…


Please be Tina, not Janis!

2008-12-07

Der Insurrektor verbringt viel Zeit auf der Autobahn. Zuviel. Zum Glück gibt es da das Autoradio…

Meistens ist es beiläufiges Zeugs, was da so läuft. Hitparadenmusik. Mucke, eben. Manchmal ragt etwas heraus, der Insurrektor merkt sich das, besorgt sich das Album und bringt es in seine samstagnächtlichen Musiksitzungen ein. In der Regel fällt es da durch? Warum?

Verglichen mit dem normalen Radioprogramm war’s gut; verglichen mit dem Rest der Samstagnacht: „Okay, aber muß man das wirklich zweimal hören?“ Selten bestätigt sich der relativ gute Eindruck aus dem Kontext des alltäglichen Hitparadenmülls.

Und genau da hörte der Insurrektor auch Amy Winehouse, zunächst Back to Black, dann Valerie. Und er besorgte sich mehr…

Amy Winehouse

Jeder kennt Amy: „Drogenexzesse“ fallen einem ein. Skandälchen, wie eine geklaute Zeitung, die die Dame sich garantiert häte leisten können. Allerlei Zeugs, das uns die MSM (main stream media) so erzählen, um ihrer narrativ volksverdummenden Aufgabe gerecht zu werden.

Wir wissen nicht wirklich, ob Amy in irgendeine der Kategorien fällt. Vielleicht ist sie „drogensüchtig“, vielleicht spielt sie auch nur damit (um Aufmerksamkeit zu erzeugen) – immerhin ist sie nicht nur Opfer sondern auch Akteurin in dem Spektakel, in das die industrielle „Verwertung“ der Musik die musikalische Rezeption verwandelt hat. Vielleicht ist die Winehouse wirklich irgendwie krank…

Sicher scheint, daß Amy mit etlichen Drogen gespielt hat. Wahrscheinlich hat sie dabei auch ihr Blatt gelegentlich überreizt. Man kennt das. Der Insurrektor erinnert sich zahlreicher Beispiele in den 1960ern und den 1970ern. Er möchte nur darauf hinweisen, daß zum Beispiel der „clean“ erinnerte Countrystar Hank Williams sich buchstäblich zu Tode gesoffen hat; da war er weder der erste noch der letze.

Offenbar ist es in unserer Gesellschaft ein schlimmerer Skandal, wenn die Droge illegal ist. Aber es verbietet sich, diesen Faden („Drogenpolitik als ABM für organisierte Kriminalität“) hier weiter zu verfolgen, weil er zu weit vom Thema abführte.

Kennst du Amy? Der Insurrektor kennt sie nicht, und er maßt sich auch kein Urteil über ihre Lebensführung an. Ist ihre Sache. Das Gelaber von Vorbildfunktionen der „Stars“ ist ohnehin schwachsinnig und immer an existierende Vorstellungen gebunden, während wir uns offen halten sollten für alternative Entwürfe – die scheitern. aber auch gelingen können.

Janis oder Tina?

Zu Janis fällt dem Insurrektor neben etlichen brillanten Songinterpretationen vor allem „Southern Comfort“ und eine üble – und tödliche – Heroin-Überdosierung ein. Zu Tina Turner, daß sie sowohl ihren prügelnden Ike als auch die überall lungernden alkoholischen wie heroinischen Versuchungen überstanden hat.

Der gravierende Unterschied besteht genau darin: Tina hat überlebt und ihr Talent danach weiter entfaltet; Janis blieb auf der Strecke und wir vermissen noch heute ihren nächsten Song.

Janis wurde zur Legende, weil sie gestorben ist. Ob sie ihr Niveau hätte halten können, weiß der Insurrektor nicht mehr als du.

Tina wurde ebenfalls zur Legende, genau weil sie überlebt hat. Sie hat ihr Niveau meistens gehalten, manchmal die Erwartungen übertroffen – und sie unterscheidet sich auch heute noch positiv von den üblichen Tenören, die auch mit 70 noch versuchen, den jugendlichen Liebhaber zu spielen. Sie hat nicht mehr die Dynamik und Präsenz in der Stimme, aber sie kompensiert das, irgendwie. Viel Arbeit, gewiß.

Die eine wurde zum Opfer, ewig in Erinnerung als innovativ, die andere hat uns über Jahrzehnte mit exzellenter Musik und Show versorgt. Ist das eine Wahl? Der Insurrektor weiß es nicht…

Back to Amy

Auf der Autobahn machte sich Amy also gut. Wie würde sie sich im Kontext der (für den Insurrektor) Großen, Guten machen. Wie gesagt fallen fast alle durch.

Nicht so Amy Winehouse. Sie reiht sich ein. Sie besteht neben den Turners und Dylans und Cohens, neben Who und Roger Chapman, neben Cash und Led Zeppelin, Metallica und Dolly Parton.

Auch mehrmals hintereinander spielen schadet ihr nicht. Sie ist eine Hoffnung der „populären Musik“. Amy ist ein Ausnahmetalent, wie Tina, wie Janis. Aber wohin wird sie gehen?

Aller Drogenquatsch, der momentan über sie geredet wird, muß relativiert werden. Amy wird ihren Weg gehen, und der Insurrektor kann nur hoffen, daß sie innovativ bleibt (wie Janis) und überlebt (wie Tina)

Wünschen wir: „Please, be Tina, not Janis.“


Die Zinker von Wiesbaden

2008-11-14

Dagmar Metzger, die einzige unter den hessischen SPD-Abweichlern, die sich korrekt verhalten hat, spielt nun zum Generalangriff gegen ihre Partei auf:

„Besonders die persönlichen Anfeindungen, Beleidigungen und Diffamierungen haben mich tief getroffen“, schreibt Metzger in ihrer Mitteilung. Konkret erwähnt sie Vorwürfe der Bestechlichkeit und Titulierungen wie „Verräter“, „Heckenschütze“ und „Schande für die Demokratie“. „Diese Art des Umganges mit Andersdenkenden ist einer demokratischen Partei mit einer so langen Tradition, wie die SPD sie hat, unwürdig.“

Hoffnung, dass sich dies künftig ändern werde, habe sie nicht. „Die auch vom Parteivorsitzenden Franz Müntefering geforderte Erneuerung der hessischen SPD ist nicht einmal im Ansatz erkennbar“, schreibt Metzger. Dies werde durch die gegen die anderen Abweichler – Carmen Everts, Silke Tesch und Jürgen Walter – eingeleiteten Parteiausschlussverfahren genauso dokumentiert wie durch die gegen sie selbst gefassten Beschlüsse einiger Gremien, die sie zum Verzicht auf eine erneute Kandidatur aufforderten oder ein Parteiausschlussverfahren gegen sie nahelegten.

Der Insurrektor reibt verwundert seine Augen und hält sich die Ohren. Zwar ist er ein strikter Gegner von Parteiausschlußverfahren, aber das Verhalten der Damen Carmen Everts und Silke Tesch sowie des Herrn Jürgen Walter war gewiß parteischädigend. Und wo Satzungen den Ausschluß wegen solcher Verhaltensweisen erlauben, nimmt jede(r) sie billigend in Kauf, wenn er (sie) zuerst hinter verschlossenen Türen und dann öffentlich dem rot-rot-grünen Bündnis die Zustimmung verspricht, nur um dann in letzter Minute zurückzuziehen.

Man kann ja sagen, daß Andrea Ypsilanti ihr Blatt überreizt hat. Allerdings haben Everts, Tesch und Walter die Karten gezinkt und somit beim Spiel betrogen. Den billigen Kalauer nimmt der Insurrektor in Kauf, wenn er sagt, daß sie ihr eigenes Süppchen geKOCHt haben. Und nun – das kommt am Herde schonmal vor – haben sie sich die Finger verbrannt.

An Dagmar Metzgers Verweigerung ist dagegen nichts auszusetzen; sie hatte von Anfang an mit offenen Karten gespielt und sich am Betrug nicht beteiligt.

Ihr Rundumschlag hingegen ist Heuchelei. Damit verläßt sie endgültig den Kreis der Aufrechten und tritt dem Verein der Zinker von Wiesbaden bei.


Lichtblick im ZDF

2008-10-31

Der Insurrektor ist ein beflissener, aber meist unzufriedener Fernsehzuschauer. Einem Medium, das für das Gros der wählenden Bevölerung die einzige oder wenigstens die primäre Informationsquelle darstellt, kann er sich guten Gewissens jedoch nicht entziehen.

So konnte er intuitiv dem Rundumschlag Marcel Reich-Ranickis beim Deutschen Fernsehpreis zustimmen. (Die Preisverleihung tat er sich nur an, weil er durch die Nachrichtensendungen auf den „Eklat“ vorbereitet war und sich ein eigenes Bild machen wollte.) Mehr als einmal während der Verleihung sagte er vor sich hin: „Wenn die Nominierten repräsentativ für die Kategorie sind, oder gar das Beste, was es in dieser Kategorie gibt, dann ist die ganze Kategorie überflüssig. Nicht nur beim Preis, sondern im Programm.

In der Hauptsache sind es aber politische Informationssendungen, die des Insurrektors Aufmerksamkeit erringen, und allzuoft geht es ihm bei deren Betrachtung nicht viel anders als der Literaturkritikerlegende angesichts der Show zum Fernsehpreis: Die sich aufdrängenden Fragen sind oft „Was soll das? Warum sagt nicht einmal jemand etwas, das beweist, daß er/sie über das Thema nachgedacht hat, statt bloß auswendig gelernte lobbyistische Parolen zu repetieren?“

Natürlich ist dem Insurrektor die Antwort klar. Die Medien haben das Feld der Auseinandersetzung so bestimmt, daß eine vom Konsens der Journalisten abweichende Meinung allenfalls lächerlich oder deplaziert wirken kann. Hochgejubelte Figuren sitzen denn auch dabei, um den Aufmüpfigen, sollte er sich dennoch hervorwagen, sogleich verbal zu züchtigen und aus der Diskussion zu drängen.

Etwas anders war es gestern abend bei Maybrit Illner, deren Sendung sonst eher die Regel als die Ausnahme ist. Oskar Lafontaine und Friedrich Merz kamen, nur durch belanglose Filmchen und wenig hilfreiche Bemerkungen der Moderatorin unterbrochen, fast ungehindert zu Wort. Schon die einfache Tatsache, daß überhaupt eine Diskussion stattfand, ist als positiv zu bewerten.

Der SPIEGEL lobt dementsprechend die Sendung geradezu hymnisch:

Maybrit Illner hat sich mit ihrer Sendung viel vorgenommen. Trotz gelegentlicher Hänger bot die Talkshow einen Schlagabtausch auf höherem Niveau, als man es – auch öffentlich-rechtlich – gewöhnt ist. Marcel Reich-Ranicki hätte ruhig zugucken können. Vor allem hat die Sendung eine Vorahnung davon vermittelt, wie der nächste Wahlkampf aussehen könnte. Auch wenn Friedrich Merz ja kaum dabei sein wird.

Ganz so euphorisch würde der Insurrektor das Ganze nicht beurteilen. Im Grunde gaben beide Disputanten das von sich, was zu erwarten gewesen war, jeweils eine Mischung aus Halbwahrheiten, klugen Beobachtungen und ihren üblichen Talking Points. Keinem konnte uneingeschränkt zugestimmt werden, und niemand sprach nur Falschheiten und Desinformationen aus. Von beiden Seiten kamen diese natürlich auch.

Aber – ganz wichtig – es wurde diskutiert. Daß für eine Diskussionssendung das schon ausreicht, um ein positives Urteil zu begründen, ist schlimm; daß es hin und wieder eine gibt, bei der das guten Gewissens möglich ist, ist quasi Glück im Unglück.

Für den SPIEGEL ist es ein Ausblick auf den Bundestagswahlkampf. Wäre es doch so. Wahrscheinlicher ist allerdings, daß mit dem Heranrücken der Bundestagswahl die traurige Normalität der poltischen Talkshow wieder Einzug hält. Vermutlich ist den Programmverantwortlichen der Ausgang dieses „Duells“ schon suspekt. Denn nicht der ihnen inhaltlich nahestehende Friedrich Merz hat „gewonnen“ sondern der ihrer Meinung nach zu verteufelnde Oskar Lafontaine.

Das sieht auch, etwas grummelnd, der SPIEGEL so:

Eines jedenfalls ist sicher: Würden sich Talkshow und Realpolitik an den Börsen so behaupten müssen wie VW und Daimler, dann hätte Lafontaines Aktie einen ziemlichen Sprung nach oben gemacht. Aber bis zur Wahl ist es ja noch hin – und bis dahin kann noch so manche Blase platzen.

Da unter den Blinden der Einäugige zurecht auf dem Thron sitzt, sei Maybrit Illner und ihrer Truppe für die Sendung vom 30.10.2008, einen Lichtblick, cum grano salis gelobt. (Übrigens – das ist das Salz – könnte es besser werden. Der Insurrektor wagt nicht, es zu hoffen.)

Verpaßt? Wenigstens für eine gewisse Zeit steht die Sendung noch im Internet.


Der peinliche Peer

2008-10-30

Ihr Bankgeheimnis ist den Schweizern heilig. Das mag hierzulande manchem seltsam erscheinen, aber das wirft dann ein bezeichnendes Licht auf den Zustand des Datenschutzes in Deutschland.

Selbstverständlich ist ein wasserdichtes Bankgeheimnis eine von vielen Voraussetzungen für einen ausreichenden Schutz der Privatsphäre. Daß die in Deutschland nicht sonderlich viel gilt, dürfte angesichts der Skandale der letzten Monate jedem klar sein. Schäubles invasive Staatsschutzvorstellungen sprechen Bände.

Da wird insinuiert, daß das Schweizer Bankgeheimnis eine Art Beihilfe zur Steuerhinterziehung sei. Der Insurrektor möchte nicht bestreiten, daß es viele gibt, die das Bankgeheimnis ausnutzen, um zu tun, was illegal ist. Aber daß ein Recht mißbraucht werden kann, daß es mißbraucht wird, darf niemals zur Aushöhlung des Rechts mißbraucht werden.

Daß sollten sich die Schwätzer aller Parteien einmal merken: Der Mißbrauch einer Freiheit ist kein Argument für die Abschaffung der Freiheiten.

Trotzdem gibt es natürlich ein Recht zum Irrtum. Der Privatmann Otto Normalverbraucher hat das Recht, zu glauben, man solle Rechte beschneiden, um ihren Mißbrauch zu verhindern. Er muß auch diese Meinung äußern dürfen. Dafür würde der Insurrektor jederzeit eintreten.

So hat auch der Privatmann Peer Steinbrück das Recht, Denkfehler von der Art zu begehen, wie der SPIEGEL sie berichtet:

Steinbrück bedauerte, dass auch die Schweiz, Österreich und Luxemburg zu den Steueroasen zählen. Steinbrück sagte, aus seiner Sicht verdiene die Schweiz einen Platz auf der „Schwarzen Liste“, da das Land in Finanzfragen nicht zu ausreichender Zusammenarbeit bereit sei. Die Schweiz liefere nicht die Informationen, um Steuerflucht nachzuweisen, sagte er: „Das ist das Problem“. Steuerflucht sei aber nicht nur ein wirtschaftliches, sondern auch ein gesellschaftliches Problem. „Wenn wir nicht aufpassen, verliert unser Gesellschafts- und Wirtschaftssystem Legitimation. Die Menschen verweigern ihre Zustimmung.“

Ein anderes Beispiel: Jeder Mensch hat das Recht, zu glauben, die Erde wäre eine Scheibe oder eins plus eins ergäbe eins. Der Insurrektor will das niemandem verwehren. Aber, wer derartiges vertritt, beweist damit, daß er zum Geographen oder Mathematiker nicht taugt.

Und wer solche Peinlichkeiten von sich gibt wie Peer Steinbrück, wer der Schweiz mit „Zuckerbrot und Peitsche“ droht, wer sich zum peitschenschwingenden Dominus über andere Staaten erhebt, in denen Datenschutz manchmal mehr gilt als hier, der beweist damit, daß er zum Politiker nicht taugt.

Im Wortlaut:

Allen voran Peer Steinbrück wählt deutliche Worte, wenn es darum geht, Steuerparadiese zu vermiesen. „Wir müssen nicht nur das Zuckerbrot benutzen, sondern auch die Peitsche“, sagte der Bundesfinanzminister nach einem Treffen mit seinen Kollegen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) am Dienstag in Paris.

Und so findet der Insurrektor, daß der peinliche Peer seinen Hut nehmen soll. Diesmal nicht wegen seiner finanz- und wirtschaftlichen Inkompetenz, sondern wegen seiner peinlichen Auftritte und seiner unfriedlichen Ausbrüche.

Übrigens sei auch der SPIEGEL erneut kritisiert, der seinen neuesten Artikel zum Thema unter die nicht gerade völkerverbindende Überschrift stellt: „Peitschen-Peer empört die Schwarzgeld-Schweizer“. Das insinuiert – ebenso wie der Bundesfinanzminister ohne Feingefühl – es wäre „Beihilfe zur Steuerhinterziehung“, wenn man die Daten schützt.

Verhaftet doch dann bitte auch die Dunkelheit wegen Beihilfe zu nächtlichem Straßenraub… Oder droht ihr mit der Peitsche.


Peer’s Klagelied

2008-10-27

Peer Steinbrück ist sicher nicht zu beneiden. Alle wollen ihm dreinreden; dabei versteht er auch so schon die Welt nicht mehr. Sollen die anderen doch wenigstens den Mund halten…

Da klagt er sein Leid der Bild am Sonntag:

Aus der Finanzkrise ergeben sich keine unmittelbaren Risiken für die Haushaltsplanung. Die Bundesregierung behält daher das Ziel bei, möglichst 2011 einen Haushalt ohne Neuverschuldung vorzulegen.
[...]
Aber Herr Ackermann hat doch auch die Hilfe des Staates angemahnt! All die letzten Jahre haben Bankvertreter gefordert, dass sich der Staat zurückziehen soll. Der völlig frei sich entfaltende Markt sei die Lösung und Garantie für Vernunft und Prosperität. Doch jetzt stellen wir – auch Herr Ackermann – fest, dass das falsch ist. Das hat zu Exzessen und Zügellosigkeit geführt. Maßlosigkeit und Risiko-Ignoranz haben Einzug gehalten. Jetzt kommt es zur notwendigen Korrektur. Das heißt aber nicht, dass das Pendel zurückschlägt auf eine totale Staatsgläubigkeit. Die ist genauso dämlich wie eine totale Marktgläubigkeit.
[...]
Es wäre gut, wenn die Politik jetzt arbeitet, verschiedene Maßnahmen prüft und so lange schlicht den Mund hält.

In der Tat: das Rettungspaket der Bundesregierung verpufft völlig wirkungslos. Bisher haben sich nur einige Landesbanken um die Staatsknete beworben, die diese aber aufgrund der Eigentümerstruktur sowieso bekämen, weil der Gesellschafter wie ein ordentlicher Kaufmann Eigenkapital nachschießen müßte.

Ist das so schwer zu verstehen? Wenn die Gehaltsbeschränkung zur Auflage gemacht wird? Wenn die gesamte Ökonomie in der Liquidätsfalle sitzt und die Banken lieber auf dem Geld sitzen als es in den Wirtschaftskreislauf zu lassen?

Paul Krugman, der sich in der Vergangenheit durch viele zutreffende Prognosen und Beurteilungen hervorgetan hat, schreibt jetzt in der New York Times:

It was good news when Mr. Paulson finally agreed to funnel capital into the banking system in return for partial ownership. But last week Joe Nocera of The Times pointed out a key weakness in the U.S. Treasury’s bank rescue plan: it contains no safeguards against the possibility that banks will simply sit on the money. “Unlike the British government, which is mandating lending requirements in return for capital injections, our government seems afraid to do anything except plead.” And sure enough, the banks seem to be hoarding the cash.
[...]
What’s happening, I suspect, is that the Bush administration’s anti-government ideology still stands in the way of effective action. Events have forced Mr. Paulson into a partial nationalization of the financial system — but he refuses to use the power that comes with ownership.

Whatever the reasons for the continuing weakness of policy, the situation is manifestly not coming under control. Things continue to fall apart.

Dem Nobelpreisträger hat der Insurrektor wenig hinzuzufügen. Außer, daß was Paul über Paulson sagt, ebenso für Steinbrück gilt: Die lang eingeübte Ideologie hindert beide Herren – und nicht nur diese! – daran, die Welt zu sehen, die Welt zu verstehen, und dem Verständnis der Welt entsprechend zu handeln.

Übrigens bringen Steuersenkungen aus denselben Gründen nicht den gewünschten Effekt. Diejenigen, die von ihnen profitieren könnten, würden bloß „auf dem Geld sitzen“, es horten, statt als Nachfrager oder Investoren aufzutreten. Nur Staatsinvestitionen können den Zirkel durchbrechen.

Da er das nicht begreifen kann, sitzt Peer Steinbrück inmitten des Kreises, versteht die Welt nicht mehr, träumt von ausgeglichenen Haushalten wie sein Kabinettskollege Scholz von Vollbeschäftigung. Und zwischendurch klagt er sein Leid der BamS. Parallel dazu „Things continue to fall apart.“


Fuß im Mund: Sinn’s Unsinn

2008-10-27

Für sich nennt der Insurrektor ihn ohnehin seit langem meist Hans-Werner Unsinn. Sein derzeit Welllen schlagender Vergleich von Juden und Bankmanagern ist strukturell allerdings nicht untypisch für den Präsidenten des Ifo-Instituts. Manchmal nimmt der eben den Mund zu voll, indem er zum Beispiel den Fuß hineinsteckt…

Auffällig ist hier lediglich, daß er diesmal mit einem Judenvergleich statt mit einer seiner unvergleichlichen ökonomischen Halbwahrheiten aufgefallen ist. Sowas aber nimmt man in Deutschland nicht so gelassen hin wie die sinnentleerte Repetition neoliberaler Sinnsprüche. Von deren unangetasteter Gültigkeit sind trotz vielfacher empirischer Widerlegung nach wie vor sowohl die Regierung als auch ihre Hofberichterstatter selber im tiefsten Innern überzeugt. Weswegen sie den üblichen Sinn-Unsinn tolerieren.

Das Sinn-Muster ist hier wie immer: Man gehe aus von einem Salzkörnchen Wahrheit, fasele dann zusammen, was das Zeug hält – und setze ein medienwirksames Highlight oben drauf.

Das kleine Körnchen Wahrheit, sonst schonmal die einfache Tatsache, daß Märkte besser allozieren als Planer, oder daß niedrige Steuern ceteris paribus besser sind als hohe, ist in diesem Fall:

In jeder Krise wird nach Schuldigen gesucht, nach Sündenböcken.

Und diesmal seien es die Manager. Soweit hat der Mann die Wahrheit gesagt. In der Tat lenkt die gegenwärtige Debatte allzugern von den strukturellen Ursachen, zu denen auch die Befolgung der Sinn-Empfehlungen gehörte, ab und verwandelt die Analyse in eine Diskussion über die „Schuldfrage“. (Zum Beispiel, wenn Bernhard Bueb im ZDF alles auf ein „Führungsdefizit“ reduziert.)

Damit er aber nicht selber fast alles widerrufen muß, was er in den letzten Jahren empfohlen hat, flüchtet er sich auch hier in sein übliches Geschwafel:

Einige haben auf Deregulierung gesetzt. Niemand wollte die staatliche Regulierung völlig abschaffen – das gerät in der Debatte derzeit durcheinander. Auch die liberalen Ökonomen haben immer gesagt, dass es um einen funktionierenden Staat geht, der dem Markt die Regeln vorgibt. Wie beim Fußball: Damit das Spiel läuft, braucht es einen Schiedsrichter – ohne ihn würden die Spieler mit den Fäusten aufeinander losgehen. Mit diesem Ordoliberalismus, den Leute wie Walter Eucken oder Ludwig Erhard geprägt haben, sind wir bislang gut gefahren. Liberale Ökonomen wollen nur nicht wie manche linke Ideologen, dass der Schiedsrichter selbst mitspielt und für die unterlegene Mannschaft Tore schießt.

Und:

Hätte man nichts getan, wie 1929, wären die Folgen dramatisch gewesen: eine Kernschmelze im Finanzsystem, Massenarbeitslosigkeit, die Radikalisierung der westlichen Welt, am Ende eine Systemkrise der Marktwirtschaft. Die deutsche Geschichte ist hier ja ganz klar. Der Nationalsozialismus ist aus der Krise zwischen 1929 und 1931 entstanden. Auch heute stehen Rattenfänger wieder parat.

Womit er wieder nicht ganz falsch liegt. Aber inhaltlich will der Insurrektor nicht wiederholen, was er hier, hier und hier bereits gesagt hat.

Das Highlight, mit dem der Institutsökonom die Aufmerksamkeit auf sich lenkt, findet sich in dem nicht ganz unschuldigen und nicht ganz unrichtigen Absatz:

In jeder Krise wird nach Schuldigen gesucht, nach Sündenböcken. Auch in der Weltwirtschaftskrise von 1929 wollte niemand an einen anonymen Systemfehler glauben. Damals hat es in Deutschland die Juden getroffen, heute sind es die Manager. Als Volkswirt sehe ich stattdessen falsche Anreize und fehlende Regeln. Schauen Sie sich den Straßenverkehr in Indien an. Die Leute fahren links, rechts, auf dem Bürgersteig, das ist abenteuerlich. Der Verkehr kommt deswegen immer wieder ins Stocken. Sind daran die „Manager“ an den Steuerrädern schuld oder fehlende Verkehrsregeln?

[Hervorhebung des Insurrektors]

Tatsächlich wurde damals von zu vielen alle Schuld an dem wirtschaftlichen Chaos „den Juden“ gegeben. Trotzdem ist der Vergleich beleidigend. Für die Juden, denen in der Folge Besitz, Heimat, Menschenwürde, Leben in grausamster Weise genommen wurde. Aber auch für die, die jetzt eine moralische Verantwortung auch der Manager einfordern. Werden sie doch mit den Nazis und den protonazistischen Antisemiten anderer Weimarer Parteien in einen Topf geworfen.

Der Insurrektor kann dem Grünen Volker Beck durchaus zustimmen:

Die Wirtschaftskompetenz von Herrn Sinn mag in der Fachwelt strittig sein. Seine Geschichtsvergessenheit ist ab heute unumstritten.

Sinn’s Wirtschaftskompetenz ist umstritten. Seine geschichtlichen Einlassungen sind unumstritten geschmacklos. Nun ja: Wenn man schon „Sinn“ heißt, muß man ihn ja nicht in auch in seine Interviews hineinlassen.

UPDATE (2008-10-27): Hans-Werner Sinn entschuldigt sich für seinen Judenvergleich:

Die tiefe persönliche Freundschaft „mit vielen jüdischen Kollegen auf dieser Welt und meine Scham und mein Entsetzen gegenüber dem, was den Juden von Deutschen angetan wurde, haben mein Leben geprägt. Sie sind unveränderbar. Ich bitte die jüdische Gemeinde um Entschuldigung und nehme den Vergleich zurück“, erklärte Sinn weiter.

Der Ifo-Präsident „nimmt seinen Vergleich zurück“. Der Insurrektor seinen Kommentar nicht.