Nachgereichte Abwesenheitsnotiz

2008-08-28

Manchmal gibt es Ereignisse und Zustände im Leben eines Menschen und Bloggers, die sich seiner Kontrolle entziehen. Krankheiten zum Beispiel, die zwar die theoretisch zum Bloggen nutzbare Zeit vermehren, aber sie praktisch weniger zum Bloggen nutzbar machen.

Darin, aber auch nur darin sind sie dem Alkohol vergleichbar, über den Shakespeare in seinem Macbeth einen Torwächter sagen läßt: “It provokes the desire, but it takes away the performance.”

So wollte der Insurrektor in den letzten Tagen schon bloggen. Oh, ja, und es provozierten ihn so viele Themen! Doch die Krankheit, die ihm Gelegenheit gab, Themen zu sehen, hinderte ihn auch daran, sie zu bearbeiten.

Jetzt ist er wieder auf dem Neuen Heckerzug.

DIe Stelle aus Macbeth (II, 3) sei zum Abschluß einmal vollständig zitiert, weil sie den typischen Humor eines der größten Dramatikers der Literaturgeschichte so herrlich illustriert:

Macduff: What three things does drink especially provoke?

Porter: Marry, sir, nose-painting, sleep, and urine. Lechery, sir, it provokes, and unprovokes; it provokes the desire, but it takes away the performance. Therefore much drink may be said to be an equivocator with lechery; it makes him, and it mars him; it sets him on, and it takes him off; it persuades him, and disheartens him; makes him stand to, and not stand to; in conclusion, equivocates him in a sleep, and, giving him the lie, leaves him.


Buridan und der Insurrektor

2008-08-15

Der Scholastiker Johannes Buridan ist heute allenfalls noch dadurch bekannt, daß er in der Redensart vom Buridanschen Esel auftaucht. Und diesen Lorbeer, den ihm wahrscheinlich Spinoza in seiner Ethik auf den mittelalterlichen Philosophenschädel setzte, trägt Buridanus (fast) völlig zu Unrecht. (“Fast” schreibe ich, weil die Frage der Freiheit im Horizont der Buridans nur als eine der Wahlfreiheit erscheint – Freiheit als Auswahl zwischen vorgegebenen Möglichkeiten. Was das mit dem Esel zu tun hat? Weiterlesen!)

Von Eseln und Menschen

Ursprünglich war es nämlich Aristoteles, der in seinem Traktat über den Himmel – den Scholastikern unter dem lateinischen Titel De caelo bekannt – die Denkfigur aufstellte. Allerdings benutzte der Grieche keinen Esel zur Demonstration, sondern einen Mann, der gleichermaßen hungrig und durstig ist, und der genau in der Mitte zwischen Speis und Trank positioniert war.

Wählend zwischen zwei Gütern müßte der arme Mann das größere, oder das zum Zeitpunkt der Wahl erstrebenswertere, ergreifen – aber Hunger und Durst quälen ihn gleichermaßen. Wählend zwischen zwei gleichwertigen Gütern müßte der Mann sich für das leichter zu erreichende entscheiden – aber auch hier hat der Philosoph sadistischerweise beide Optionen als gleich ausgestaltet.

Um kurz zu machen, was dem Mann sicher lang wurde, aber nicht langweilig, verhungerte und verdurstete er wohl. Der Esel!

Genau darum hat man ihn wohl später durch einen richtigen Esel ersetzt, der genau in der Mitte zwischen zwei Heuhaufen steht und verhungert, weil er sich nicht entscheiden kann, mit welchem der beiden er sein Leben rettet.

Wer einen Einstieg in den halbvergessenen Philosophen und sein wirkliches Dilemma sucht, mag hier und hier beginnen. (Die wesentlich knapperen und inhaltsärmeren Einträge der deutschen Wikipedia mag ich hier nicht verlinken; man erreicht sie aus den englischen ohne Probleme…)

Was hat das mit mir zu tun?

Man kann insbesondere die Eselsvariante natürlich auf mehr als zwei Güter verallgemeinern. Nehmen wir zum Beispiel den Insurrektor, der in seiner knappen Zeit bloggen will. Er hat seine möglichen Themen auf der Peripherie eines Kreises versammelt: die unsäglichen Diskussionen in der EsPeDe (Hessen, Clement, Scharping), der Streit um das Georgische Putingambit und die NATO, die paternalistische Generallinie des Bundesverfassungsgerichts, exemplifiziert am Beispiel der Rauchverbote, die Frage der Bildungsfreiheit (es besteht nach des Insurrektors Ansicht die Gefahr, daß die Freiheit der Bildung zu einer Freiheit von der Bildung verkommt) und anderes mehr.

In der Mitte, im Zentrum des Kreises, hockt der Insurrektor und kann sich nicht entscheiden, welchem Thema er sich zuerst zuneigt. Jedes hat seinen Reiz für ihn. Und während er so wägt, verrinnt die Zeit, die er zum Bloggen hätte…

Nun, der geneigte Kenner der literarisch-philosophischen Figuren, wird hier gleich einen dänischen Prinzen erkennen, von des Gedankens Blässe angekränkelt…

Der Insurrektor kann sich auch hier nicht entscheiden, ob er sein Problem nun besser in der Shakespeare-Variante des Dänischen Esels oder der aristotelischen des Buridanschen Hamlets beschreiben soll – und jetzt ist seine Zeit abgelaufen.

PS: Konsequenterweise müßte dieser Artike hier enden, aber ich denke, daß ich der Fairness wegen darauf hinweisen sollte, daß ich in De caelo die möglicherweise ursprüngliche Variante nicht verifiziert habe. Laut der deutschen Wikipedia war es dort kein Mensch, wie der oben verlinkte Artikel es darstellt, sondern ein Hund. Bevor ich auf denselben komme, ende dieser Blogeintrag nun aber wirklich!


Aller Anfang ist schwer

2008-07-17

Da ist dieses Blog nun halbwegs eingerichtet, und eigentlich sollten jetzt die Einträge in schöner Regelmäßigkeit aus dem Hirn in die Finger, dann in die Tastatur und endlich auf die Webseiten fließen wie sie sonst immer über die Lippen kommen – aber “Fehlanzeige”!

Das Problem?

Beim Reden verfertigen sich die Gedanken allmählich, wie es Kleist in seinem Ausatz “Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden” beschrieben hat:

Es liegt ein sonderbarer Quell der Begeisterung für denjenigen, der spricht, in einem menschlichen Antlitz, das ihm gegenübersteht; und ein Blick, der uns einen halb ausgedrückten Gedanken schon als begriffen ankündigt, schenkt uns oft den Ausdruck für die ganz andere Hälfte desselben.

Beim Schreiben für die Veröffentlichung – und sei es mit der insgeheim erklärten Absicht, zunächst noch unrein zu schreiben – dagegen fehlt nicht nur dieses menschliche Antlitz, sondern es ist durch den strengen Blick der inneren Qualitätskontrolle, ergänzt um die Neigung zur Gründlichkeit, ersetzt.

Ich setze gewissermaßen geistig Proposition 1, und sofort fühle ich mich bemüßigt, dieselbe erst einmal zu begründen, eine Fundierung, die selber wieder nach Rechtfertigung ruft – und bevor ich auch den ersten Satz auf dieses virtuelle Papier geschrieben habe, bläht sich der Umfang des unscheinbarsten Gedankenwinzlings überproportional auf – bis endlich der angepaßte Umfang des Blogeintrags unbedingt weitere Recherchen erfordert.

Und Recherchen benötigen Zeit – Zeit, dieses knappste aller Güter, das nicht nur vom Großen Ordner Tod, sondern auch von der Notwendigkeit, zur Abwehr desselben Brot zu erwerben, begrenzt wird. (Mit anderen Worten: “Wenn ich mich weniger um’s Geldverdienen kümmern müßte, hätte ich mehr Zeit für Arbeit.”)

Die Lösung?

Wie so oft besteht ein wesentlicher Schritt zur Lösung darin, die Zensur fallen zu lassen. Da unterscheidet sich dieses Blog nicht von Demokratie/Republik. Die Einführung ist nicht damit vollendet, daß die Zensur wegfällt; aber der Wegfall der Zensur ist eine conditio sine qua non.

Aller Anfang ist eben schwer. Für die Demokraten/Republikaner. Und für den Blogger. Aber die Abschaffung der Zensur hilft beiden.

Sei es…


Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.