Der Scholastiker Johannes Buridan ist heute allenfalls noch dadurch bekannt, daß er in der Redensart vom Buridanschen Esel auftaucht. Und diesen Lorbeer, den ihm wahrscheinlich Spinoza in seiner Ethik auf den mittelalterlichen Philosophenschädel setzte, trägt Buridanus (fast) völlig zu Unrecht. (“Fast” schreibe ich, weil die Frage der Freiheit im Horizont der Buridans nur als eine der Wahlfreiheit erscheint – Freiheit als Auswahl zwischen vorgegebenen Möglichkeiten. Was das mit dem Esel zu tun hat? Weiterlesen!)
Von Eseln und Menschen
Ursprünglich war es nämlich Aristoteles, der in seinem Traktat über den Himmel – den Scholastikern unter dem lateinischen Titel De caelo bekannt – die Denkfigur aufstellte. Allerdings benutzte der Grieche keinen Esel zur Demonstration, sondern einen Mann, der gleichermaßen hungrig und durstig ist, und der genau in der Mitte zwischen Speis und Trank positioniert war.
Wählend zwischen zwei Gütern müßte der arme Mann das größere, oder das zum Zeitpunkt der Wahl erstrebenswertere, ergreifen – aber Hunger und Durst quälen ihn gleichermaßen. Wählend zwischen zwei gleichwertigen Gütern müßte der Mann sich für das leichter zu erreichende entscheiden – aber auch hier hat der Philosoph sadistischerweise beide Optionen als gleich ausgestaltet.
Um kurz zu machen, was dem Mann sicher lang wurde, aber nicht langweilig, verhungerte und verdurstete er wohl. Der Esel!
Genau darum hat man ihn wohl später durch einen richtigen Esel ersetzt, der genau in der Mitte zwischen zwei Heuhaufen steht und verhungert, weil er sich nicht entscheiden kann, mit welchem der beiden er sein Leben rettet.
Wer einen Einstieg in den halbvergessenen Philosophen und sein wirkliches Dilemma sucht, mag hier und hier beginnen. (Die wesentlich knapperen und inhaltsärmeren Einträge der deutschen Wikipedia mag ich hier nicht verlinken; man erreicht sie aus den englischen ohne Probleme…)
Was hat das mit mir zu tun?
Man kann insbesondere die Eselsvariante natürlich auf mehr als zwei Güter verallgemeinern. Nehmen wir zum Beispiel den Insurrektor, der in seiner knappen Zeit bloggen will. Er hat seine möglichen Themen auf der Peripherie eines Kreises versammelt: die unsäglichen Diskussionen in der EsPeDe (Hessen, Clement, Scharping), der Streit um das Georgische Putingambit und die NATO, die paternalistische Generallinie des Bundesverfassungsgerichts, exemplifiziert am Beispiel der Rauchverbote, die Frage der Bildungsfreiheit (es besteht nach des Insurrektors Ansicht die Gefahr, daß die Freiheit der Bildung zu einer Freiheit von der Bildung verkommt) und anderes mehr.
In der Mitte, im Zentrum des Kreises, hockt der Insurrektor und kann sich nicht entscheiden, welchem Thema er sich zuerst zuneigt. Jedes hat seinen Reiz für ihn. Und während er so wägt, verrinnt die Zeit, die er zum Bloggen hätte…
Nun, der geneigte Kenner der literarisch-philosophischen Figuren, wird hier gleich einen dänischen Prinzen erkennen, von des Gedankens Blässe angekränkelt…
Der Insurrektor kann sich auch hier nicht entscheiden, ob er sein Problem nun besser in der Shakespeare-Variante des Dänischen Esels oder der aristotelischen des Buridanschen Hamlets beschreiben soll – und jetzt ist seine Zeit abgelaufen.
PS: Konsequenterweise müßte dieser Artike hier enden, aber ich denke, daß ich der Fairness wegen darauf hinweisen sollte, daß ich in De caelo die möglicherweise ursprüngliche Variante nicht verifiziert habe. Laut der deutschen Wikipedia war es dort kein Mensch, wie der oben verlinkte Artikel es darstellt, sondern ein Hund. Bevor ich auf denselben komme, ende dieser Blogeintrag nun aber wirklich!