„Denk ich an Deutschland…“

2009-02-06

Grob gesagt: Die Wirtschaftskrise ist in Deutschland noch nicht wirklich angekommen. Sie steht vor dem Haus und, die tiefstehende Sonne im Rücken, wirft erste Schatten in des Michels Wohnstube:

An der Finanzfront legt die Deutsche Bank erstmals seit WWII einen Jahresverlust vor. Auf dem Arbeitsmarkt nimmt die Arbeitslosigkeit saisonbereinigt zwar noch nicht zu, aber ihr statistisch geschönter Rückgang wird langsamer. Erste Konkurse betreffen immer noch primär Unternehmen die – so könnte man argumentieren – ohnehin unter einer zu dünnen Eigenkapitaldecke fröstelten bzw. produktpolitischen Selbstmord begangen haben.

Da träumen die Ackermänner dieser Welt schon wieder von besseren Zeiten, schließlich kann man als Universalbank ja die faulen Eier, die immer noch in den Büchern schlummern, bald den Kunden als Topwertanlage, gerade massiv unterbewertet, andrehen und das Risiko abwälzen.

Da verpulvert die Bundesregierung Milliarden in einem falsch strukturierten Konjunkturpaket II, das nur wenig den Abschwung bremst, noch weniger Aufschwung bringen kann, und das alles zu einem überhöhten Preis (wegen der Konzentration auf Liquiditätsspritzen) und zudem ökologisch unausgewogen ist. Merkel sonnt sich in ihrer Handlungsbereitschaft.

Parallel dazu bastelt man mit der sogenannten „Schuldenbremse“ an einer Art verfassungsmäßig garantierten Rezessionsverstärkung. Denn: wenn das Inlandsprodukt sinkt, ist eine Erhöhung der Staatsverschuldung angesagt, aber dann verfassungswidrig. Merkel sonnt sich in ihrer Sparentschlossenheit.

Da waren wir Papst und bemühen uns nun – zu Unrecht – darum, zu beweisen, daß wir nicht wie die nach dem Antisemiten und Antikommunisten und Nazifreund Pius benannten Brüder ein suspektes Verhältnis zur Geschichte haben. Merkel sonnt sich in ihrer eigenen Vatikankritik.

Was tut man in der Politik nicht alles, um die Popularität zu erhalten… Speziell, wenn man den Kanzlersessel unter dem Hintern hat. Und ihn möglichst auch dort behalten will. (Schließlich ist, wie Niklas Luhmann korrekt bemerkte, Macht in dem Sinne das Medium des politischen Systems, in dem Geld das der Wirtschaft ist: Alle Beziehungen sind durch dieses Medium vorstrukturiert.)

Chamäleon Merkel?

Tagesschauerin Corinna Emundts hat sich nun etwas zurückgelehnt und die Kanzlerin distanziert betrachtet. Wenigstens scheint es so. Ihr Kurzessay Das Chamäleon enthält schön klingende Sätze wie:

Die Kanzlerin muss in der Krise lange verteidigte Positionen räumen und das in einer Geschwindigkeit, die ihr überhaupt nicht liegt.

Einer, der sie gut kennt, sagt, die Finanz- und Wirtschaftskrise passe nicht zu ihrer Art, an Politik heranzugehen.

Vom Naturell her ihrem Vizekanzler Frank-Walter Steinmeier von der SPD nicht unähnlich, liegt ihr eher die Politik der ruhigen Hand. Weil die 54-Jährige lieber den dritten Schritt vor dem ersten abwägt, bevor sie los zieht. Das hat ihr viel Kritik eingebracht.

Tiefe Einblicke in die Psyche der Kanzlerin? Oder nur Wortgeklingel an der Oberfläche? Emundts Versuch, aus genauer Beobachtung der Kanzlerin eine „tiefenpsychologische Sicht auf die Politik“ vorzugaukeln, wird aber noch lustiger:

Seit Beginn der Finanz- und Wirtschaftskrise trägt Merkel bei wichtigen Terminen meist dunkle oder allenfalls graue Farbtöne. Wer sie über die Jahre beobachtet, dem fällt auf, dass sie weniger gerne in den Farbtopf greift als bisher. Sie spricht häufig vom Ernst der Lage. Von Verantwortung und Verlässlichkeit der Politik. Sie gibt vor, dass manche politischen Ziele sich kurzfristigen Machtinteressen und politischer Opportunität entziehen.

Offenbar handelt es sich bei solchen Sätzen um den Versuch an große Journalisten der Vergangenheit anzuknüpfen, denen es dann allerdings auch gelungen ist, von der Oberfläche in die Tiefe zu steigen und dort die realen Zusammenhänge aufzuweisen, die sich in den Beobachtungen spiegelten. (Man lese zum Beispiel einige der besten Reportagen Egon Erwin Kischs.)

Aber was findet Frau Emundts statt dessen in der Tiefe? Lesen wir weiter:

Auffällig ist, mit welcher Geschmeidigkeit sie sich an Stimmungslagen anpasst -auch im Vergleich über die Jahre: Beim CDU-Parteitag in Leipzig 2003 riss sie die Delegierten tatsächlich als Reformpolitikerin und CDU-Vorsitzende mit: „Immer das gleiche Muster: In der Not soll es der Staat richten – wann endlich lernt die SPD, dass der Weg zu mehr Staat immer der Weg zu weniger Wachstum und weniger Arbeit ist?“

Nun, in Zeiten der Wirtschaftskrise, greift der Staat immer stärker in die Wirtschaft ein – unter Regie der Kanzlerin Merkel. Bis hin zur Verstaatlichung von Banken gehen nun die Überlegungen der Großen Koalition. Merkel stellt diese Strategie als alternativlos dar. Doch Kritiker sagen, sie werde damit scheitern, weil sich der Staat dabei übernehme. Wichtiger wäre es, die gesetzlichen Bedingungen für die Zeit nach der Krise zugunsten des Mittelstandes zu verändern.

Das Mantra

Da haben wir es. Merkel ist der Emundts zufolge zur Umfallerin geworden, weil sie nun auf den Staat setzt, der sich „damit übernehme.“ Am Ende der wortklingelnden und anrührend psychologisierenden Absätze fällt sie auf das alte Mantra zurück, daß der Staat sich „übernimmt“ – und dabei selbstverständlich auch überhebt.

Es liegt dem Insurrektor fern, dem Staat allumfassende Kompetenz und Fähigkeit zuzugestehen. Im Gegenteil: in vielen Dingen überhebt und übernimmt der Staat sich. Er mischt sich in Dinge ein, die ihn nichts angehen. Von der Zwangsverschulung bis zur Krippenpolitik, von der BKA-Spitzelei bis zu sogenannten „Nichtraucherschutzgesetzen,“ die paternalistische Vorschriften darüber machen, wer wann was wo und wie konsumieren darf.

Aber die Herbeter dieser Mantren in Deutschland unterscheiden sich in einem Punkt von manchen, die in den USA mit oberflächlich ähnlichen Sätzen staatliche Zurückhaltung einfordern. Sie erstrecken den Geltungsbereich ihrer Zurückhaltungsforderung nicht auf die paternalistischen Aktivitäten; ihnen geht es nur um die wirtschaftliche Passivität des Staates.

Dabei ist den meisten akademisch-ökonomischen Vertretern dieser Metapolitik der Zurückhaltung inzwischen angesichts der Realität, und dessen, was noch kommen wird, wenn die Krise Deutschland erst einmal wirklich erreicht, klar geworden, daß entschlossenes staatliches Handeln in der Wirtschaftskrise das Gebot der Stunde ist. Ökonomen, die den Namen Keynes’ vormals nur mit incubus est zu kombinieren wußten, und denen fiskalische Maßnahmen ein Greuel waren, raten nun dazu, Angebotstheoretiker fordern Nachfragestimulierung, Monetaristen Fiskalpolitik.

Zweifellos müssen die Maßnahmen ergänzt werden durch eine Ordnungspolitik, die anders als die von denselben Herbetern alter Mantren in den Zeiten ihres höchsten Einflusses durchgesetzten der Realität eine Annäherung an die Prämissen des funktionierenden Marktes erlauben. Gesetze und Vorschriften nämlich, die Transparenz herstellen (im Derivatehandel war diese das erste Opfer), die oligopolistische Strukturen zerschlagen, die dazu führen, daß Großbanken too big to fail sind, weil sie simply too big sind, und zugleich noch den Einfluß einzelner Unternehmen auf das Marktgeschehen über das der Konkurrenz zuträgliche hinaus erweitern.

Das wirtschaftliche Handeln des Staates allerdings in Aszendenz der Krise darauf zu beschränken, wäre fatal. Noch fataler als das Nachbeten der Steuersenkungsphantasien.

Die Entdeckung der Langsamkeit

Zögerlich nur, zu zögerlich, findet sich Angela Merkel mit der Tatsache ab, daß alles, wofür sie wirtschaftspolitisch früher einstand, nun einem volkswirtschaftlichen Suizid gleichkäme. Trauer muß – nicht nur – Elektra tragen.

Und schon diese zaghafte Bereitschaft, die Tatsachen nicht weiter zu deshalluzinieren, erregt bei einer Emundts (nur leicht verhohlene) Abscheu. Zwischen den zitierten Zeilen gelesen ist es Merkels Kniefall vor dem notwendigen ökonomisch-politischen Kalkül, der sie zur Umfallerin machte und sie nun objektiv die Staatsaktivität ungebührlich ausweiten läßt.

Die Krise macht dem Insurrektor Angst; das sei zugegeben. Weniger, weil er befürchtete, daß die Massen tatsächlich verhungern müßten, als weil er weiß, wie die Massen reagieren können, wenn sich ihre Situation schlagartig dramatisch verschlechtert.

Eines Tages, recht bald, wird die Krise das Land erreicht haben. Die politischen Folgen für die „großen“ Parteien – so groß sind sie nicht mehr – zeichnen sich schon im Vorfeld ab. Absehbar ist, daß es dann im Parlament auch deutlich chaotischer werden wird.

Die plötzliche Entdeckung der Langsamkeit – unter dem Deckmäntelchen der ruhigen Hand in der sonst von blindem Aktionismus überquellenden politischen Szene, macht dem Insurrektor Angst. Nicht nur, weil sie hier die Krise befördert, sondern weil sie am Ende in einen noch wilderen Aktionismus umschlagen muß, wenn die Macht auf dem Spiel steht.

Die Medien versagen

Ein Land, in dem all das zurecht Unbehagen verursacht ist gut dran, wenn es eine aktive und vielfältige journalistische Landschaft hat. Ein Land aber, dessen Medienoligopol primär ein Reproduktionslaboratorium für ausgelaugte politisch-ökonomische Mantren geworden ist, kann sich nicht mehr auf ein Funktionieren des Journalismus verlassen.

Die Hofberichterstattung wird nur noch zum Schein aufgegeben, um an das unaufrichtige und schlecht informierte Gebet von gestern zu erinnern und seine sklavische Befolgung einzufordern.

Emundts gibt ein gutes Beispiel, also ein schlechtes, dafür. Sie ist nur symptomatisch, und an einem anderen Tag hätte der Insurrektor ein anderes Beispiel zum Anlaß nehmen können, fast denselben Artikel zu schreiben.

Nachtgedanken

Angesichts der langsam aber unaufhaltsam anrückenden Krise, angesichts der fassungslos machenden Fassungslosigkeit der Politik, angesichts der Bankrotterklärung des Journalismus findet der Insurrektor zwar keinen Trost aber immerhin – augenzwinkernde und ironische – Empathie in den „Nachtgedanken“ Heinrich Heines:

Denk ich an Deutschland in der Nacht,
Dann bin ich um den Schlaf gebracht,
Ich kann nicht mehr die Augen schließen,
Und meine heißen Tränen fließen.

[...]

Gottlob! Durch meine Fenster bricht
Französisch heitres Tageslicht;
Es kommt mein Weib, schön wie der Morgen
Und lächelt für die deutschen Sorgen.


Lichtblick im ZDF

2008-10-31

Der Insurrektor ist ein beflissener, aber meist unzufriedener Fernsehzuschauer. Einem Medium, das für das Gros der wählenden Bevölerung die einzige oder wenigstens die primäre Informationsquelle darstellt, kann er sich guten Gewissens jedoch nicht entziehen.

So konnte er intuitiv dem Rundumschlag Marcel Reich-Ranickis beim Deutschen Fernsehpreis zustimmen. (Die Preisverleihung tat er sich nur an, weil er durch die Nachrichtensendungen auf den „Eklat“ vorbereitet war und sich ein eigenes Bild machen wollte.) Mehr als einmal während der Verleihung sagte er vor sich hin: „Wenn die Nominierten repräsentativ für die Kategorie sind, oder gar das Beste, was es in dieser Kategorie gibt, dann ist die ganze Kategorie überflüssig. Nicht nur beim Preis, sondern im Programm.

In der Hauptsache sind es aber politische Informationssendungen, die des Insurrektors Aufmerksamkeit erringen, und allzuoft geht es ihm bei deren Betrachtung nicht viel anders als der Literaturkritikerlegende angesichts der Show zum Fernsehpreis: Die sich aufdrängenden Fragen sind oft „Was soll das? Warum sagt nicht einmal jemand etwas, das beweist, daß er/sie über das Thema nachgedacht hat, statt bloß auswendig gelernte lobbyistische Parolen zu repetieren?“

Natürlich ist dem Insurrektor die Antwort klar. Die Medien haben das Feld der Auseinandersetzung so bestimmt, daß eine vom Konsens der Journalisten abweichende Meinung allenfalls lächerlich oder deplaziert wirken kann. Hochgejubelte Figuren sitzen denn auch dabei, um den Aufmüpfigen, sollte er sich dennoch hervorwagen, sogleich verbal zu züchtigen und aus der Diskussion zu drängen.

Etwas anders war es gestern abend bei Maybrit Illner, deren Sendung sonst eher die Regel als die Ausnahme ist. Oskar Lafontaine und Friedrich Merz kamen, nur durch belanglose Filmchen und wenig hilfreiche Bemerkungen der Moderatorin unterbrochen, fast ungehindert zu Wort. Schon die einfache Tatsache, daß überhaupt eine Diskussion stattfand, ist als positiv zu bewerten.

Der SPIEGEL lobt dementsprechend die Sendung geradezu hymnisch:

Maybrit Illner hat sich mit ihrer Sendung viel vorgenommen. Trotz gelegentlicher Hänger bot die Talkshow einen Schlagabtausch auf höherem Niveau, als man es – auch öffentlich-rechtlich – gewöhnt ist. Marcel Reich-Ranicki hätte ruhig zugucken können. Vor allem hat die Sendung eine Vorahnung davon vermittelt, wie der nächste Wahlkampf aussehen könnte. Auch wenn Friedrich Merz ja kaum dabei sein wird.

Ganz so euphorisch würde der Insurrektor das Ganze nicht beurteilen. Im Grunde gaben beide Disputanten das von sich, was zu erwarten gewesen war, jeweils eine Mischung aus Halbwahrheiten, klugen Beobachtungen und ihren üblichen Talking Points. Keinem konnte uneingeschränkt zugestimmt werden, und niemand sprach nur Falschheiten und Desinformationen aus. Von beiden Seiten kamen diese natürlich auch.

Aber – ganz wichtig – es wurde diskutiert. Daß für eine Diskussionssendung das schon ausreicht, um ein positives Urteil zu begründen, ist schlimm; daß es hin und wieder eine gibt, bei der das guten Gewissens möglich ist, ist quasi Glück im Unglück.

Für den SPIEGEL ist es ein Ausblick auf den Bundestagswahlkampf. Wäre es doch so. Wahrscheinlicher ist allerdings, daß mit dem Heranrücken der Bundestagswahl die traurige Normalität der poltischen Talkshow wieder Einzug hält. Vermutlich ist den Programmverantwortlichen der Ausgang dieses „Duells“ schon suspekt. Denn nicht der ihnen inhaltlich nahestehende Friedrich Merz hat „gewonnen“ sondern der ihrer Meinung nach zu verteufelnde Oskar Lafontaine.

Das sieht auch, etwas grummelnd, der SPIEGEL so:

Eines jedenfalls ist sicher: Würden sich Talkshow und Realpolitik an den Börsen so behaupten müssen wie VW und Daimler, dann hätte Lafontaines Aktie einen ziemlichen Sprung nach oben gemacht. Aber bis zur Wahl ist es ja noch hin – und bis dahin kann noch so manche Blase platzen.

Da unter den Blinden der Einäugige zurecht auf dem Thron sitzt, sei Maybrit Illner und ihrer Truppe für die Sendung vom 30.10.2008, einen Lichtblick, cum grano salis gelobt. (Übrigens – das ist das Salz – könnte es besser werden. Der Insurrektor wagt nicht, es zu hoffen.)

Verpaßt? Wenigstens für eine gewisse Zeit steht die Sendung noch im Internet.


Information und „Doofheit“

2008-09-06

Vor ein paar Wochen brachte der Spiegel seine reißerisch aufgemachte Internetschelte unter der BILD-würdigen Überschrift „Macht das Internet doof?“ heraus. Darüber ist viel diskutiert worden, und auch der Insurrektor konnte sein Lästermaul nicht heraushalten. Auf die Schnelle zimmerte ich ein paar vorsätzlich etwas polemisch-provokante Zeilen zusammen.

Vielleicht reflektiert es die Hitze der Debatte, vielleicht ist es ein strukturelles Zeichen für den Zustand von Internet und (deutscher) Blogosphäre, jedenfalls entpuppte sich der kleine Splitter als der am häufigsten gefundene und wahrscheinlich auch gelesene Artikel des Insurrektors. Was dieser wahrlich nicht prognostiziert hätte.

Die „Erfolgsgeschichte“ ging aber weiter. Kürzlich hat der Kulturblogger des Insurrektors Grummeln in die Liste seiner Beispiele für die „heiße[n] Debatten [...,] natürlich auch und gerade in der sog. Blogosphäre“ zu diesem Thema aufgenommen.

Zurecht weist er in seinem Artikel auf folgendes hin:

Ein Punkt, der m.E. in dieser Diskussion zu kurz kam, ist die Tatsache, dass all der Schwachsinn, der ja unbestritten auch im Internet kursiert, durch dieses nicht erzeugt, sondern nur sichtbar gemacht wird. Der Preis der Vergesellschaftung der Medien und das damit einhergehende Anwachsen der kursierenden Datenmengen und -ströme ist, dass man vermehrt mit Inhalten konfrontiert wird, die für einen wertlos sind. Das Rauschen wird lauter und es wird schwieriger den Unterschied herauszuhören, der einen Unterschied macht.

Natürlich klingt darin Gregory Batesons Definition von „Information“ als „difference that makes a difference“ an (Form, Substance, and Difference in: Steps to an Ecology of Mind, S. 454 ff) . Worauf es mir hier aber ankommt ist, daß das Verhältnis des Lesers zur Quelle sich prinzipiell nur wenig geändert hat. Durch „Vergrößerung“, durch quantitative Ausweitung der Quellen der Information, ist vieles davon sichtbarer geworden, aber prinzipiell sehe ich noch nicht den Umschlag der Quantität in die Qualität.

Gehen wir etwas zurück in die „gute alte Zeit“ – sagen wir so 25 bis 30 Jahre. Damals war ich zufällig einmal in Frankfurt als pünktlich vor der Eröffnung der Buchmesse das Hüttendorf der Startbahn-West-Gegner gewaltsam geräumt wurde. Ich erfuhr davon aus dem Radio. Um herauszufinden, was wirklich geschehen war, mußte ich mich durch ein Dutzend verschiedener Zeitungsberichte wühlen und zusätzlich mit einigen Menschen reden, die zum Zeitpunkt der Räumung dort gewesen waren. Erst meine aktive Vergleichs-, Evaluierungs- und Abgleichsleistung erlaubte es mir, aus dem Rohmaterial „Information“ und schließlich „Wissen“ zu machen.

Die meisten taten das damals nicht. Diese Verwandlung vom Rohen zum Gekochten der Information (Lévi-Strauss möge mir die etwas sachfremde Anspielung verzeihen) überließen sie den „Journalisten ihres Vertrauens“, die ihre eigenen Quellen natürlich nur beschränkt offenlegten.

Das Internet nun macht die Nichtlinearität und die nichttriviale Verwandlung zwar nicht transparent, aber erkennbar. Der etablierte Blätterwald verliert damit seine Gurufunktion als Informationsmonopolist bzw. -oligopolist. Dem Leser obliegt dabei eine weitergehende Lektüreaktivität als er sie aus der klassischen Presse gewohnt ist.

Der Unterschied zwischen dem Rauschen im Blätterwald und dem im virtuellen Dschungel besteht vielleicht primär darin, daß letzter eine größere Vielfalt anbietet. Mit der Chance, daß ein kritischer, nicht bereits „doofer“, Leser besser in der Lage ist eine eigene Meinung zu generieren und schließlich zum Ziel, der Information zu gelangen.

Noch einmal in den Worten des Kulturbloggers:

Die Internetschelte macht zudem deutlich, wie viele Leute in ihren Kommunikationsvorstellungen von einem linear gedachten Sender-Empfänger-Modell geprägt sind: Einer sendet eine Information (aktiv), der andere empfängt sie (passiv).

Das Risiko ist dann allerdings, daß die lediglich passiv konsumierenden Rezipienten zwar nicht „doofer“ als die Zeitungsleser werden, aber eine größere Pluralität an Protoinformationen repräsentieren. Wieweit Mechanismen, die entfernt an Märkte erinnern, hier die evolutionäre Selektion übernehmen können und werden, ist ungewiß.

Der Insurrektor ist da hoffnungsvoller als wenn er sich auf die Ordnungsstiftung durch Lohnjournalisten verlassen müßte. Schließlich haben Evolutionen tatsächlich schon Erfolg gehabt.

Die „Doofheit“, um die es in dieser Debatte vermeintlich geht, ist so gesehen bloß die Unterstellung der Faulheit kombiniert mit der selbsternannten Gurus nie fremden Grundannahme, sie seien die Lösung des Problems, das sie erst konstituieren, um ihre Fortexistenz zu rechtfertigen.


Macht der SPIEGEL doof?

2008-08-11

Ich gebe es zu: die aktuelle SPIEGEL-Titelgeschichte „Macht das Internet doof?“ habe ich nicht gelesen. Manche Texte schrecken mich bereits durch ihre Überschrift ab, und nicht oft finde ich in mir die Bereitschaft, den Widerwillen zu überwinden. Der neueste SPIEGEL-Titel gehört dazu. Vermutlich werde ich sie nie lesen: Manche Fragen sind eben so blöd, daß man die Antwort dessen, der sie gestellt hat, wahrlich nicht mehr braucht, um treffend mit einer Gegenfrage zu antworten. Mein Titel tut genau das.

Der Untertitel – „Vernetzt, verquatscht, verloren“ – auf dem Google Layout Cover des Hamburger Nachrichtenmagazins, des einstigen Flaggschiffs bundesdeutschen Journalismus, tut ein Übriges, mir den Appetit zu verderben.

Fazit: Wen der SPIEGEL nicht verdummt bekommt, der hat auch im Internet nichts zu fürchten. Umgekehrt bin ich mir da nicht sicher. Augstein, ruhe sanft, und bitte unterlasse das Umdrehen im Grab angesichts deiner Erben. In den seismographischen Instituten gehen die Erdbebenalarme schon auf Orange Alert

Im Ernst: schon der Artikel über Blogs in Deutschland war eine inhaltsentleerte Zumutung. Zwar ist im Vergleich zur US-Szene die deutschsprachige Blogosphäre erkennbar kurzatmig und unterbelichtet. Trotzdem wird sie allmählich besser, was man von den klassischen Medien eben nicht behaupten kann.

Eigentlich wollte ich damals spontan über diese „Beta-Blogger“-Charade bloggen, aber vielleicht ist es besser, daß ich es nicht getan habe – von wegen strafrechtlicher Relevanz nach § 192 StGB (Beleidigung trotz Wahrheitsbeweises).l

Insgesamt verfestigt sich bei mir der Eindruck, daß der SPIEGEL die Konkurrenz auf dem Informationsmarkt fürchtet und deswegen ziellos auf die eher anarchische virtuelle Informationsgesellschaft einprügelt. Konkurrenz belebt für „Gamma-Journalisten“ eben nicht das Geschäft, sondern nur den AdrenalinSPIEGEL…