Als weiland Franz-Josef Strauß scharf den Präsidenten Carter kritisierte, weil der die dem Insurrektor ungeheuer sympathische Entscheidung, die Neutronenbombe nicht zu bauen, getroffen hatte, erhob sich keine Stimme, die den Bayern des Antiamerikanismus zieh.
Der Insurrektor ist dann wenig später sehr wohl als antiamerikanisch beschimpft worden, weil er wie Millionen andere, auch, aber nicht nur durch die Unterzeichnung des Krefelder Appells, gegen die Stationierung von Pershing II und Cruise Missiles protestierte.
Die Bushisten versuchten die Gegner des ebenso unsinnigen wie verbrecherischen Überfalls auf den Irak mit dem Label antiamerikanisch zu diffamieren. Nicht, daß sie damit ungeteilt Erfolg gehabt hätten, weil zu viele sahen, daß sehr wohl viele Amerikaner, wenn auch keine Majorität, meist nicht einmal eine Pluralität, die Position der Kritiker teilten.
Versucht wird diese Strategie immer. Ihr Erfolg ist häufiger als nicht vom Typ “You can fool some people all of the time, and you can fool all of the people some of the time”. Zum Glück bricht diese Art von Scheinargument in jedem Einzelfall bald zusammen; leider bedeutet dies nie den Zusammenbruch der zutiefst unehrlichen Strategie.
Heute hat der Insurrektor, wenn er sich treu bleiben will, nur die Wahl, sich – zu Unrecht – als antisemitisch beschimpfen zu lassen. Denn da geht Ehud Olmert hin und begeht militärischen Massenmord im Gazastreifen, bombardiert scheinbar ziellos Zivilisten, tötet in der ersten Angriffswelle gleich Hunderte. Weitere werden sicher folgen, und gegen alle Kritiker gibt es das treffliche Totschlagargument des Antisemitismus…
Allerdings geht es hier eben nicht darum, gegen die Juden zu polemisieren. Es geht darum, gegen eine ganz bestimmte Position einer ganz bestimmten Regierung eines bestimmten Staates zu argumentieren, unabhängig davon, daß dieser Staat wesentlich von Juden als zionistischer Staat gegründet wurde.
Der Insurrektor nennt einen Terroristen einen Terroristen, weil er terroristische Anschläge verübt, nicht weil er einer bestimmten Religion zugehört, einer gewissen Ethnie entstammt oder eine spezielle Staatsangehörigkeit besitzt.
Der Insurrektor wirbt auch jederzeit für Verständnis, wenn Teile der israelischen Bevölkerung den Staat Israel als besonders bedroht ansehen – allein schon, weil er besonders bedroht ist. Darüber hinaus sollte man verstehen, daß in einem Land, in dem nahezu jeder im Kreis der Verwandtschaft oder Freunde Opfer von Terroranschlägen hat, die instinktive Haltung oft die der Vergeltung statt die der Vernunft ist.
Dennoch muß es gesagt werden: Die aktuellen Bombardements in Gaza sind ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Sie wären es sogar dann, wenn sie politisch sinnvoll wären – was sie allerdings nicht sind.
Tatsächlich handelt es sich bei diesen Angriffen wie bei Bushs vorgeblichem Krieg gegen den Terror tatsächlich um (vermutlich unbeabsichtigte) Rekrutierungsmaßnahmen für zukünftige Täter. Denn jeder heutige Tote im Gazastreifen generiert wenigstens zehn Selbstmordattentäter in der nächsten Generation des grausam-idiotischen Eskalationsspiels.
Dem Insurrektor erscheint glaubwürdig, daß viele israelische Bürger angesichts der Opfer diverser Angriffe aus Palästina die einfache Wahrheit nicht sehen können, weil ihnen die Distanz zur nüchternen Betrachtung fehlt.
Nüchtern betrachtet aber sind die Scharfmacher in Israel de facto Komplizen der Scharfmacher in der Hamas und anderswo. Beide Gruppen spielen sich gegenseitig in die Hände; ihre gemeinsamen Gegner – und Opfer – sind wir alle.
Dem Insurrektor ist die Existenz des Staates Israel selbstverständlich, und er träte jederzeit dafür ein, sie zu verteidigen. Leider trägt die Politik desselben Staates häufig nicht dazu bei, seine Existenz sicherer zu machen. Im Gegenteil schürt sie allzuoft den Anti-Israelismus und den Antizionismus – zwei Haltungen, die der Insurrektor nicht teilen kann, die aber dennoch sehr vom Antisemitismus verschieden sind. (Der Antisemitismus richtet sich gegen Juden, der Antizionismus gegen eine bestimmte politische Strömung in der leidvollen Geschichte des Judentums, der Anti-Israelismus gegen eine bestimmte staatliche Ausprägung des Zionismus.)
Auch das Selbstbestimmungsrecht der Palästinenser ist dem Insurrektor selbstverständlich. Bestimmte militante Weisen, dieses Selbstbestimmungsrecht vorgeblich zu fördern, schaden ihm allerdings ebenso wie bestimmte israelische Politiken sowohl dem Staat Israel als auch dem Zionismus als auch dem Judentum insgesamt schaden.
Olmerts Bombardement schlägt jeder Menschlichkeit brutal ins Gesicht. Und ist dabei politisch so ungeeignet, die angeblich verfolgten Ziele zu erreichen, daß sich dem Insurrektor die Vermutung aufdrängt, der Noch-Ministerpräsident könnte damit versuchen, seine tendenziell etwas weniger friedensfeindliche Partei für die Anhänger der Scharfmacher etwas wählbarer zu machen:
Wahlkampf also, israelische Innenpolitik, Parteipolitik, ausgetragen zunächst und direkt auf den Rücken und Köpfen palästinensischer Zivilisten, indirekt und in den Folgen zweiter Ordnung auf den Köpfen und Rücken der eigenen Bevölkerung. Blanker Zynismus, der Olmert da reitet.
Es wäre anmaßend, würde der Insurrektor behaupten, über eine funktionierende Lösung für den Nahostkonflikt zu verfügen. Ihm bleibt es nur, die untauglichen Versuche als solche zu identifizieren. Darüber hinaus kann er nur die besonders unmenschlichen und grausamen Fehlversuche als das zu bezeichnen, was sie sind: Verbrechen.
Auch auf die Gefahr hin, des Antisemitismus bezichtigt zu werden, zitiert er nun Erich Fried, einen österreichischen Juden, der als Kind vor den Nazis fliehen mußte:
Sie nennen mich
Verräter an meinem Volk
Sie nennen mich
Jüdischer Antisemit
weil ich spreche von dem
was sie tun in Israels Namen
gegen Palästinenser
gegen Araber anderer Länder
und auch gegen Juden
die totgeschwiegen werden
Später einmal
werden Juden die übrigbleiben
wenn dieser Wahnsinn vorbei ist
zu suchen beginnen
nach Spuren von Juden
die nicht mittaten
sondern warnten
So haben Deutsche gezeigt
nach dem Untergang Hitlers
auf Deutsche die tags zuvor
noch verfolgt wurden oder getötet
Die sollten nun Zeugen sein
daß Deutsche auch anders waren
Ob dann ein Wort
noch nachlebt
von meiner Warnung
Wichtiger aber:
ob dann in Palästina noch Juden leben
entronnene jener Vernichtung
die sie selbst herbeiführen halfen
durch ihr Unrecht
zu meiner Zeit?
Verfasst von insurrektor