Ich denke, ich brauche die Beispielfälle nicht aufzuzählen, denn jeder, der dieses Blog überhaupt findet, wird sie kennen. Falls nicht: in diesem Fall ist Google wirklich mal dein Freund, woran ich bei Datenschutzthemen sonst so meine Zweifel habe…
In den letzten Wochen werden die Titelseiten der Zeitungen, die Fernsehnachrichten und auch die Magazine geradezu mit Datenschutzthemen überschwemmt. Primär wird dabei auf den sogenannten “Datenklau” und den “Datenhandel” abgehoben, aber gelegentliche Seitenhiebe auf die Verfügbarkeit von behördlichen Daten für Privatunternehmen gibt es zusätzlich.
Besonders prominent, weil’s den Menschen an’s liebe Geld geht, sind dabei die Geschäfte mit Bankdaten, besonders, wenn dann auch noch vom Konto abgebucht wird, ohne daß dazu eine Genehmigung vorlag. Da werden dann die Banken angegriffen, die zu eröffnen nach einem alten Spruch ein größeres Verbrechen sein soll als sie auszurauben; da wird geschwafelt, was das Zeug hält. Dabei sind im Prinzip hier die Banken selber im Zweifelsfall die Dummen, und sonst natürlich die Doofen, aber die sind sowieso DBDDHKP. Dazu die folgende
Soap Opera
Nehmen wir an, ich war gezwungen, jemandem meine Bankverbindung zu nennen – zum Beispiel dem Finanzamt, meiner Telefongesellschaft, meinem Arbeitgeber oder dem Preisausschreiber meines Vertrauens (den’s übrigens nicht gibt).
Dann hat die Datenklau & Betrug GmbH & Co. KG, im folgenden kurz DB genannt, zugeschlagen und sich auf mehr oder weniger dunklen Kanälen die Daten besorgt. Legal, illegal, scheißegal – die DB beauftragt ihre Blöde Bank AG, kurz BB, von meinem Konto bei der Meine Bank AG, MB, den unauffällig mittelhohen Betrag von 49,58 Euro abzubuchen, für den wohltätigen Zweck der Bestandspflege des vom Aussterben bedrohten Freien Bürgers meinethalben.
Was passiert nun? Beim bereits angesprochen Mitbürger DBDDHKP passiert gar nichts. Der heftet seinen Kontoauszug ab und die DB freut sich über die Kohle. Bei mir schrillen die Alarmglocken, denn der wirksamste Schutz sitzt auf der Schulter, zwischen den Ohren.
Ich verlange von der MB die unverzügliche Rückabwicklung der Buchung. Das ist für mich kostenlos und gebührenfrei. Die MB verlangt von der BB ihr Geld plus die bei ihr entstandenen Kosten (z. B. für meine Rückabwicklung) zurück, und sie bekommt es auch problemlos. Die BB schließlich bucht die allmählich angewachsene Summe vollständig vom Konto der DB ab.
Wenn dieses ausreichend gedeckt ist, hat sie kein Problem. Wahrscheinlicher ist allerdings, daß die DB die Kohle bereits auf die Cayman Islands oder ein anderes nettes Plätzchen umgeschaufelt hat. Das Konto ist überzogen, und die DB hat das Nachsehen. Vielleicht gelingt es ihr später, einen Teil des Geldes zu bekommen, wenn die Villa des hoffenlich erwischten Geschäftsführers der DB zwangsversteigert wird…
Geschädigt bin ich dabei allenfalls, wenn mir die BB gehört, oder ich Kunde bei ihr bin und unter den steigenden Gebühren leide, mit denen die Banker die Folgen ihrer wirtschaftliche Risikofreude und Unvernunft zurück in die Kasse holen. Das hat aber nur wenig mit Datenschutz zu tun.
Warum also dieses Beispiel als der Hauptaufmacher in Sachen Datenschutz? Plausibel erscheint mir, daß hinter jeder reißerisch aufgemachten Scheindebatte die Absicht steckt, die Aufmerksamkeit von wirklichen Problemen abzulenken. Und dafür finde ich auch hier Anzeichen.
Der Datenwolf im Schafspelz
Zum Beispiel besinnt sich nun sogar Wolfgang Schäuble, von Amts wegen ein hochrangiger Datenschützer, von politischer Neigung her eher ein wütiger Datensammler und -spion, auf das Thema und verfällt in Aktion.
Nur noch mit ausdrücklicher Zustimmung dürfen Unternehmen nach seinen Plänen ihre Datenbestände verkaufen. Eine gute Sache; skandalös, daß es nicht schon lange so ist
Alle loben dieses Engagement nun (auch da er-google sich der Leser die Quellen) in den allerhöchsten Tönen. Und auch der Insurrektor findet es nicht schlecht, daß der Datenklau eingeschränkt werden soll.
Aber ist das der große Wurf? Ist das die via regia, auf der der Datenschutz in eine goldene Zukunft schreitet? Oder ist es doch nur ein Mutmachlied zur Belustigung der Sklaven, die auf der via dolorosa dem Ziel der totalen Überwachung und vollständigen Datentransparenz zugetrieben werden?
Seltsam erscheint zunächst, daß der Innenminister sich plötzlich um ein Anathema wie Datenschutz bemüht. Hier steckt der Teufel erkennbar im Schlüselwort privat. Schäuble und die Regierung, der er angehört, wollen ja keinesfalls den Datenklau und Datenhandel generell einschränken, sondern nur den von Privatpersonen betriebenen, und auch den nur zum Teil.
Wo es um die vermeintlich übergeordneten Interessen des Staates, der Strafverfolgung, der Vorbeugung gegen die Verunglimpfung des Glimpfes oder andere hehre Ziele geht, werden Vorratsspeicher an personenbezogenen Daten aller Art angelegt.
Hier genüge eine kurze und bei weitem nicht vollständige Liste zur Anschauung und zum Nachdenken:
- Massenspeicherung von Verbindungsdaten (Telefon und Internet)
- Ausspähung von Privaten PCs
- Biometrische Daten im Ausweis
- genetische und klassische Fingerabdruckdatenbanken
- Und neuerdings die hervorragend zur Verknüpfung und zum aller gesammelten Daten geeignete Steuer-ID.
Die Steuer-ID als Bindeglied
Angeblich ist die neue PersonenIdentifikationsNummer (PIN) laut dem Prospekt der Finanzbehörden nur für den internen Dienstgebrauch gedacht.
Bereits auf den ersten Blick fällt allerdings einiges auf: Sie soll ja auch bei der Lohnsteuer verwendet werden, muß also auch beim Arbeitgeber vorliegen. Die Meldebehörden sollen mit ihr die Daten aktualisieren, also muß sie auch dort bekannt sein (natürlich verknüpft mit den biometrischen Daten). Wenn sie zur Steuerfahndung verwendbar sein soll, wird sie auch bei Banken und letztlich bei jedem Rechtsgeschäft registriert werden müssen.
Offensichtlich ist das der Hauptsinn der PIN. Nur so läßt sich erklären, daß sie bereits bei Geburt und nicht erst wie allenfalls legitimierbar erst bei Eintritt einer Steuerpflicht vergeben wird.
Was die Behörden dem Mitbürger DDBDHKP als ein Sicherheitsmerkmal verkaufen, daß nämlich der Schlüssel nichtsprechend ist, bildet in Wahrheit die notwendige Voraussetzung dafür, daß sie als Identifikationsmerkmal universell verwendbar ist. Tatsächlich stellt die PIN also die Eintrittskarte in den Bürger als Glaspalast dar.
Die Leser dieses Blogs werden vielleicht nicht auf die dümmlichen Ausreden hereinfallen. Hoffentlich auch sonst nur wenige. Aber es ist nicht unwahrscheinlich, daß auch hier gilt: Liberty dies by inches. Obwohl es vielleicht doch inzwischen eher schon Yards sein dürften.
Der Insurrektor ist des Treibens nun müde. Er möchte Musik. Also:
Kameraden! Ein Lied!
Hinter der Trommel her
Trotten die Kälber
Das Fell für die Trommel
Liefern sie selber.
Der Metzger ruft. Die Augen fest geschlossen
Das Kalb marschiert mit ruhig festem Tritt.
Kälber, deren Blut im Schlachthof schon geflossen
Ziehen im Geist, in seinen Reihen mit.
(Bertolt Brecht, Schweik im zweiten Weltkrieg)
PS: “DBDDHKP” steht für “Doof bleibt doof, da helfen keine Pillen.”