Wenn einer wie Helmut Schmidt neunzig Jahre alt wird, dann meint nahezu jeder, der die politische Landschaft länger als seit gestern oder vorgestern beobachtet, seinen Senfsalat zur Geburtstagsparty tragen zu müssen als hinge das Gelingen der Fete gerade von dieser unverlangten Speise ab. Man mag das nervig finden, aber niemand ist schließlich gezwungen, auch hiervon zu kosten.
Vielleicht am nervigsten ist es für das Geburtstagskind selber. Will man doch in dem relativ eng gewordenen Kreis der Übriggebliebenen feiern. Andererseits dürfte es auf Anerkennung bedachte Personen wie den (chronologisch) fünften Kanzler der BRD freuen, daß ihr damaliges Reden und Tun noch nachwirkt, mehr oder weniger kritisch so etwas wie gewürdigt wird. Da nimmt man schon gern hin, daß der Neunzigste Geburtstag alles andere als ein Dinner for One wird, sondern eher eine Eintritt-frei-Bier-und-Salat-mitbringen-Veranstaltung ist.
So kann auch der Insurrektor wie Oscar Wilde allem widersthen außer der Versuchung. Da er dem Gedränge der eigentlichen Geburtstagsfeier am 18.12.2008 aus vielerlei Gründen nicht zugeneigt war, kommt er verspätet mit seinem Senfsalat, der vielleicht nicht schmeckt, vielleicht aber doch. In lockerer Folge also nun ein paar Bemerkungen, ohne viel Kunst angerührt:
Die Flut
Damals Innensenator in Hamburg war Schmidt zuständig für die Koordination der Rettungsmaßnahmen im Rahmen der Großen Flut von 1962. Vorher wohl eher nur Insidern bekannt, wurde der Sozialdemokrat über Nacht berühmt.
Besonders spektakulär war dabei, daß er auch die Bundeswehr mit in die Rettung einbezog. Die Wikipedia (Stand: 30.12.2008) beschreibt das so:
Daneben nutzte Schmidt bestehende Kontakte zu Bundeswehr und NATO, um auch mit Soldaten, Hilfsgütern, Hubschraubern und Pioniergerät von Bundeswehr und Alliierten schnelle und umfassende Hilfe zu ermöglichen. Schmidt schuf damit ein Vorbild für Einsätze von Bundeswehr und Militärressourcen im Inland im Rahmen von Amts- und Nothilfe bei Naturkatastrophen.
Entscheidend ist: Helmut Schmidt schuf nicht einfach nur ein Vorbild; er schuf ein Vorbild dafür, wie man es richtig macht. Ohne eine .gesetzliche Grundlage handelte er, wo es notwendig erschien. Er übernahm Verantwortung, wo andere vor Regeln schwanken und zögern. Wäre es schiefgelaufen, hätte er (mindestens!) seine Karriere vergessen können.
1962 brauchte er keine gesetzliche Grundlage für Situationen, die kein Gesetzgeber so genau vorhersehen kann, wie es für eine klare und verfassungskonforme gesetzliche Regelung erforderlich wäre.
Heute bastelt man an Wischiwaschigesetzen herum, die der Armee weitgehende Befugnisse geben. Damit erreicht man zwar nicht, daß in der tatsächlichen Notsituation besser geholfen werden könnte, aber man entläßt die Verantwortungsträger im Voraus aus der Verantwortung und schafft eine verfassungsfeindliche Kultur von „Gesetzesanwendung“. Zulasten auch der effektiven Hilfe.
Große Koalition Nr. 1
Auch heute leidet das Land, ohne den Leidensdruck zu realisieren, wieder unter einer Großen Koalition. Bei der ersten war Schmidt als Fraktionsvorsitzender der Zuchtmeister. Ihm und Brandt vor allem war es zu verdanken, daß der Juniorpartner anschließend ohne die Union zu Regierungsmacht kam. Hätten damals die heutigen Schattenreiter – keine Namen, keine Details, nicht in der Eulogie auf Kanzler V. – eine Rolle gespielt, wäre die EsPeDe auch damals wieder zurückgefallen.
Die erste große Koalition tat das nicht, was diese Elefantenvermählungen nie tun können: Grundsatzfragen zur Entscheidung bringen. Alle wichtigen Richtungsfragen werden mit knappen Mehrheiten entschieden und gewinnen ihre Fastselbstverständllichkeit erst später.
Aber sie tat, was die heutige nicht schafft: Geringere Fragen technisch sauber in Gesetzesform zu bringen, und die wichtigen Dinge so aufzubereiten, daß zur nächsten Wahl die Richtungen sauber für eine Wählerentscheidung definiert sind.
Damals war’s die FDP, die zum Mitspielen gebraucht wurde. Heute macht sich die SPD ihre potentiellen Koalitionspartner selber madig.
RAF, auch Mogadischu
Rechtlich an der Grenze, aber immer noch im Rahmen der Legalität, war der BGS-Einsatz in Mogadischu. Ein Wagnis, dessen Scheitern den Kanzler den Kopf hätte kosten können.
Wieder einmal übernahm Schmidt Verantwortung, wieder einmal hatte er das Glück des Tüchtigen. In Mogadischu ohne prinzipiellen Widerspruch des Insurrektors.
Anders war es mit den sogenannten Anti-Terror-Gesetzen. Anders war es mit dem Kontaktsperregesetz, jener Ex-post-Selbstabsolution der Gesetzesbrecher in der Regierung.
Die Rechtfertigung, Anwälte würden geheime Anweisungen der inhaftierten „RAF-Führung“ an in Freiheit aktive Terroristen übermitteln, die legendären Kassiber – ein Vorwand, der zudem zeigt, daß die Verantwortlichen die selbstorganisierende Struktur von Netzwerken auch damals nicht verstanden. Es ist wohl tatsächlich schwer für jemanden, der in bürokratischen, klerikalen oder polizeillich-militärischen Organisationen aufgewachsen ist und deren Strukturen verinnerlicht hat, sich etwas vorzustellen, das nicht von oben nach unten durch Befehl und Gehorsam organisiert ist.
Nur ein halbes Ruhmesblatt Schmidts. Auch wenn er dafür wie für Hamburg besonders häufig gelobt wird.
Pershing II
Der Insurrektor möchte heute nicht argumentieren, warum der sogenannte NATO-Doppelbeschluß entgegen der heute erzählten Märchen doch ein gefärlicher Fehler war, der nur zufällig nicht bestraft wurde.
Die Art allerdings, wie Helmut Schmidt diesen Beschluß mit Rücktrittsdrohungen in der SPD gegen den Willen der Mehrheit der SPD durchgeboxt hat, war skandalös.
Inhaltlich mag man über die Stationierungsentscheidungen geteilter Meinung sein – und Schmidt war in dieser Frage auf der dem Insurrektor gegenüberliegenden Seite. Aber die Form des Aufdenkopfstellens innerparteilicher Demokratie war mehr als nur bedenklich.
Ein sehr schwacher Moment des Kanzlers, der ihn gerade noch gegenüber Strauß in der Rolle des geringeren Übels beließ…
Rauchzeichen
Er läßt sich das Rauchen nicht verbieten. Auch heute noch ist er – in dieser Frage, nicht immer – ein Leuchtturmbeispiel gegen den Paternalismus.
Der Insurrektor, selbst ein Raucher, der seit Jahrzehnten stolz darauf ist, Raucher zu sein, ist hier natürlich voreingenommen. Trotzdem:
Als de Gaulle eine maoistische Zeitung verbieten ließ, ernannte sich Jean-Paul Sartre kurzerhand zum Herausgeber dieser Zeitung (La Cause du Peuple) und verkaufte sie auf der Straße vor dem Elyséepalast. Sein Kommentar: „Sollen sie doch Sarte verhaften!“
Als man das öffentliche Rauchen verbot, zündete Schmidt sich ungebrochen seine Zigaretten an. „Sollen sie doch Schmidt anzeigen!“ In beiden Fällen kam’s zu keiner Polizeiaktion.
Geht doch!
Stagflation „Modell Deutschland“
In den 1970ern gab’s ein Phänomen, daß es nach der Wirtschafstheorie, Stand damals, nicht hätte geben können, nicht hätte geben dürfen: Gleichzeitig Stagnation und Inflation.
Eine sehr kluge Wirtschaftspolitik in Deutschland, und ein ungewolltes Handinhandspiel von Bundesbank und Bunderegierung, erreichten immerhin, daß die deutsche Wirtschaft stark unterdurchschnittlich stagnierte, weniger schrumpfte als andere. Dafür lag auch die deutsche Inflation unter dem Durchschnitt – anderswo stiegen die Preise stärker.
Richtigerweise versuchte die SPD 1976 darauf hinzuweisen und mit dem „Modell Deutschland“ Wahlkampf zu machen. Leider verstand man’s im eigenen Lande nicht so recht. Nur knapp verpaßte der dicke Oggersheimer damals die absolute Mehrheit.
Es reicht selbst einem Macher-Kanzler nicht, im Recht zu sein, wenn niemand es so recht versteht. Später knickte er dann übrigens selber vor den Wirtschaftsliberalen ein. Und als es zu viel wurde, machten diese Kohl zum Kanzler VI.
Happy Birthday
Von da an ging’s bergab. Auch Schröder war nicht signifikant besser als Kohl. Die Merkelin soll ganz unerwähnt bleiben.
Verspätet also einen kritisch-distanzierten, aber herzlichen Geburtstagsgruß des Insurrektors an einen der unter dem Strich besten Kanzler der deutschen Geschichte.