Kapitulation der Konsumenten

2008-10-31

Paul Krugman hat sich in den letzten Jahren immer wieder als einer der einsichtigsten und bedeutendsten Kommentatoren der jeweils aktuellen WIrtschaftslage erwiesen. Zwar bekam er den Nobelpreis nicht ausrücklich deswegen, aber es ist nicht abwegig, einen gewissen Zusammenhang zu vermuten.

In der heutigen New York Times wirft er unter der Überschrift „When Consumers Capitulate“ einen genauen Blick auf die neuesten Zahlen zur amerikanischen Volkswirtschaft und kommt zu Schlußfolgerungen, die auch die Europäern jetzt besser beachten sollten… Die Lektüre des kompletten Artikels sei hier ausdrücklich empfohlen. Weiter sei empfohlen, im Krugmanarchiv zu stöbern.

According to Thursday’s G.D.P. report, real consumer spending fell at an annual rate of 3.1 percent in the third quarter; real spending on durable goods (stuff like cars and TVs) fell at an annual rate of 14 percent.

Die Analogie zu Beobachtungen der deutschen Gegenwart springt sofort ins Auge, aber lesen wir weiter:

Also, these numbers are from the third quarter — the months of July, August, and September. So these data are basically telling us what happened before confidence collapsed after the fall of Lehman Brothers in mid-September, not to mention before the Dow plunged below 10,000. Nor do the data show the full effects of the sharp cutback in the availability of consumer credit, which is still under way.

Was nichts anders bedeutet als: „Das ist erst der Anfang und das dicke Ende kommt noch.“

It’s true that American consumers have long been living beyond their means. In the mid-1980s Americans saved about 10 percent of their income. Lately, however, the savings rate has generally been below 2 percent — sometimes it has even been negative — and consumer debt has risen to 98 percent of G.D.P., twice its level a quarter-century ago.

Hier zeigt sich ein gewisser Unterschied zur deutschen Situation. Hier war die Sparquote immer positiv und vergleichsweise hoch. Daraus können wir aber keine Entwarnung ziehen, denn:

Sooner or later, then, consumers were going to have to pull in their belts. But the timing of the new sobriety is deeply unfortunate. One is tempted to echo St. Augustine’s plea: “Grant me chastity and continence, but not yet.” For consumers are cutting back just as the U.S. economy has fallen into a liquidity trap — a situation in which the Federal Reserve has lost its grip on the economy.

Für die USA ist es in der Tat ungewöhnlich, daß gespart wird, daß „das Volk den Gürtel enger schnallt“. Aber daß die Deutschen den Sparpredigern allzulange schon gefolgt sind, ändert nichts an den gesamtwirtschaftlichen Folgen des Sparens in der gegenwärtigen Situation. Die Konsumenten haben hier eben schon früher kapituliert.

The point is that if consumers cut their spending, and nothing else takes the place of that spending, the economy will slide into a recession, reducing everyone’s income.

In fact, consumers’ income may actually fall more than their spending, so that their attempt to save more backfires — a possibility known as the paradox of thrift.

In der Märchenwelt der neoklassischen und monetaristischen Modellökonomen ist das nicht weiter tragisch, denn es gibt ein Allheilmittel: Zinssenkungen durch die Zentralbanken.

Wir brauchen uns nur in den Wirtschaftsnachrichten ein wenig umzusehen und wir sehen die massenhafte Anwendung dieses Wundermittels. So hat jetzt gerade die japanische Zentralbank den Zinssatz auf 0,3% gesenkt. Wir sehen aber auch, daß die Zinssenkung nicht ankommt. Die Zinsen steigen eher, und die Kreditvergabe geht zurück. Krugman notiert:

For the fact is that we are in a liquidity trap right now: Fed policy has lost most of its traction. It’s true that Ben Bernanke hasn’t yet reduced interest rates all the way to zero, as the Japanese did in the 1990s. But it’s hard to believe that cutting the federal funds rate from 1 percent to nothing would have much positive effect on the economy. In particular, the financial crisis has made Fed policy largely irrelevant for much of the private sector: The Fed has been steadily cutting away, yet mortgage rates and the interest rates many businesses pay are higher than they were early this year.

Die Liquiditätsfalle: alle Liquidität, die in den Markt kommt, versackt. Die Konsumenten sparen. Die Banken sitzen auf dem Geld, versuchen gar, durch höhere Habenzinsen den Bestand zu vermehren. Das Geld zirkuliert nicht, es wird quasi „gehortet“.

Aber was kann ein verantwortungsbewußter Wirtschafts- und Finanzpolitiker in dieser Situation tun, um das Allerschlimmste zu vermeiden? Krugman ist da völlig unzweideutig:

No, what the economy needs now is something to take the place of retrenching consumers. That means a major fiscal stimulus. And this time the stimulus should take the form of actual government spending rather than rebate checks that consumers probably wouldn’t spend.

Das ist die Absage an Steuersenkungen, die nur Geld in die Taschen derer bringen, die dann darauf sitzen. Das ist die klare Forderung nach einem Konjunkturprogramm.

Das muß ja nicht so völlig sinnlos sein wie in Keynes legendärem Scherz, Geld in Flaschen zu vergraben und die Schürfrechte zu verkaufen. Man sehe sich in Deutschland um: die Schulen verfallen und werden nicht renoviert, kaputte Straßen werden als natürliche Verkehrsberuhigung betrachtet, öffentliche Gebäude sind zum Teil in desolatem Zustand.

Es wird Zeit, daß die Deutschen den Knall hören und nicht von oben nach unten eine Gebietskörperschaft der anderen „Haushaltsdisziplin“ und „Ausgabensperren“ verordnet. Und der Bundesinanzminister träumt, wie notiert, bei all dem weiter von einem ausgeglichenen Haushalt…


Lichtblick im ZDF

2008-10-31

Der Insurrektor ist ein beflissener, aber meist unzufriedener Fernsehzuschauer. Einem Medium, das für das Gros der wählenden Bevölerung die einzige oder wenigstens die primäre Informationsquelle darstellt, kann er sich guten Gewissens jedoch nicht entziehen.

So konnte er intuitiv dem Rundumschlag Marcel Reich-Ranickis beim Deutschen Fernsehpreis zustimmen. (Die Preisverleihung tat er sich nur an, weil er durch die Nachrichtensendungen auf den „Eklat“ vorbereitet war und sich ein eigenes Bild machen wollte.) Mehr als einmal während der Verleihung sagte er vor sich hin: „Wenn die Nominierten repräsentativ für die Kategorie sind, oder gar das Beste, was es in dieser Kategorie gibt, dann ist die ganze Kategorie überflüssig. Nicht nur beim Preis, sondern im Programm.

In der Hauptsache sind es aber politische Informationssendungen, die des Insurrektors Aufmerksamkeit erringen, und allzuoft geht es ihm bei deren Betrachtung nicht viel anders als der Literaturkritikerlegende angesichts der Show zum Fernsehpreis: Die sich aufdrängenden Fragen sind oft „Was soll das? Warum sagt nicht einmal jemand etwas, das beweist, daß er/sie über das Thema nachgedacht hat, statt bloß auswendig gelernte lobbyistische Parolen zu repetieren?“

Natürlich ist dem Insurrektor die Antwort klar. Die Medien haben das Feld der Auseinandersetzung so bestimmt, daß eine vom Konsens der Journalisten abweichende Meinung allenfalls lächerlich oder deplaziert wirken kann. Hochgejubelte Figuren sitzen denn auch dabei, um den Aufmüpfigen, sollte er sich dennoch hervorwagen, sogleich verbal zu züchtigen und aus der Diskussion zu drängen.

Etwas anders war es gestern abend bei Maybrit Illner, deren Sendung sonst eher die Regel als die Ausnahme ist. Oskar Lafontaine und Friedrich Merz kamen, nur durch belanglose Filmchen und wenig hilfreiche Bemerkungen der Moderatorin unterbrochen, fast ungehindert zu Wort. Schon die einfache Tatsache, daß überhaupt eine Diskussion stattfand, ist als positiv zu bewerten.

Der SPIEGEL lobt dementsprechend die Sendung geradezu hymnisch:

Maybrit Illner hat sich mit ihrer Sendung viel vorgenommen. Trotz gelegentlicher Hänger bot die Talkshow einen Schlagabtausch auf höherem Niveau, als man es – auch öffentlich-rechtlich – gewöhnt ist. Marcel Reich-Ranicki hätte ruhig zugucken können. Vor allem hat die Sendung eine Vorahnung davon vermittelt, wie der nächste Wahlkampf aussehen könnte. Auch wenn Friedrich Merz ja kaum dabei sein wird.

Ganz so euphorisch würde der Insurrektor das Ganze nicht beurteilen. Im Grunde gaben beide Disputanten das von sich, was zu erwarten gewesen war, jeweils eine Mischung aus Halbwahrheiten, klugen Beobachtungen und ihren üblichen Talking Points. Keinem konnte uneingeschränkt zugestimmt werden, und niemand sprach nur Falschheiten und Desinformationen aus. Von beiden Seiten kamen diese natürlich auch.

Aber – ganz wichtig – es wurde diskutiert. Daß für eine Diskussionssendung das schon ausreicht, um ein positives Urteil zu begründen, ist schlimm; daß es hin und wieder eine gibt, bei der das guten Gewissens möglich ist, ist quasi Glück im Unglück.

Für den SPIEGEL ist es ein Ausblick auf den Bundestagswahlkampf. Wäre es doch so. Wahrscheinlicher ist allerdings, daß mit dem Heranrücken der Bundestagswahl die traurige Normalität der poltischen Talkshow wieder Einzug hält. Vermutlich ist den Programmverantwortlichen der Ausgang dieses „Duells“ schon suspekt. Denn nicht der ihnen inhaltlich nahestehende Friedrich Merz hat „gewonnen“ sondern der ihrer Meinung nach zu verteufelnde Oskar Lafontaine.

Das sieht auch, etwas grummelnd, der SPIEGEL so:

Eines jedenfalls ist sicher: Würden sich Talkshow und Realpolitik an den Börsen so behaupten müssen wie VW und Daimler, dann hätte Lafontaines Aktie einen ziemlichen Sprung nach oben gemacht. Aber bis zur Wahl ist es ja noch hin – und bis dahin kann noch so manche Blase platzen.

Da unter den Blinden der Einäugige zurecht auf dem Thron sitzt, sei Maybrit Illner und ihrer Truppe für die Sendung vom 30.10.2008, einen Lichtblick, cum grano salis gelobt. (Übrigens – das ist das Salz – könnte es besser werden. Der Insurrektor wagt nicht, es zu hoffen.)

Verpaßt? Wenigstens für eine gewisse Zeit steht die Sendung noch im Internet.


Der peinliche Peer

2008-10-30

Ihr Bankgeheimnis ist den Schweizern heilig. Das mag hierzulande manchem seltsam erscheinen, aber das wirft dann ein bezeichnendes Licht auf den Zustand des Datenschutzes in Deutschland.

Selbstverständlich ist ein wasserdichtes Bankgeheimnis eine von vielen Voraussetzungen für einen ausreichenden Schutz der Privatsphäre. Daß die in Deutschland nicht sonderlich viel gilt, dürfte angesichts der Skandale der letzten Monate jedem klar sein. Schäubles invasive Staatsschutzvorstellungen sprechen Bände.

Da wird insinuiert, daß das Schweizer Bankgeheimnis eine Art Beihilfe zur Steuerhinterziehung sei. Der Insurrektor möchte nicht bestreiten, daß es viele gibt, die das Bankgeheimnis ausnutzen, um zu tun, was illegal ist. Aber daß ein Recht mißbraucht werden kann, daß es mißbraucht wird, darf niemals zur Aushöhlung des Rechts mißbraucht werden.

Daß sollten sich die Schwätzer aller Parteien einmal merken: Der Mißbrauch einer Freiheit ist kein Argument für die Abschaffung der Freiheiten.

Trotzdem gibt es natürlich ein Recht zum Irrtum. Der Privatmann Otto Normalverbraucher hat das Recht, zu glauben, man solle Rechte beschneiden, um ihren Mißbrauch zu verhindern. Er muß auch diese Meinung äußern dürfen. Dafür würde der Insurrektor jederzeit eintreten.

So hat auch der Privatmann Peer Steinbrück das Recht, Denkfehler von der Art zu begehen, wie der SPIEGEL sie berichtet:

Steinbrück bedauerte, dass auch die Schweiz, Österreich und Luxemburg zu den Steueroasen zählen. Steinbrück sagte, aus seiner Sicht verdiene die Schweiz einen Platz auf der „Schwarzen Liste“, da das Land in Finanzfragen nicht zu ausreichender Zusammenarbeit bereit sei. Die Schweiz liefere nicht die Informationen, um Steuerflucht nachzuweisen, sagte er: „Das ist das Problem“. Steuerflucht sei aber nicht nur ein wirtschaftliches, sondern auch ein gesellschaftliches Problem. „Wenn wir nicht aufpassen, verliert unser Gesellschafts- und Wirtschaftssystem Legitimation. Die Menschen verweigern ihre Zustimmung.“

Ein anderes Beispiel: Jeder Mensch hat das Recht, zu glauben, die Erde wäre eine Scheibe oder eins plus eins ergäbe eins. Der Insurrektor will das niemandem verwehren. Aber, wer derartiges vertritt, beweist damit, daß er zum Geographen oder Mathematiker nicht taugt.

Und wer solche Peinlichkeiten von sich gibt wie Peer Steinbrück, wer der Schweiz mit „Zuckerbrot und Peitsche“ droht, wer sich zum peitschenschwingenden Dominus über andere Staaten erhebt, in denen Datenschutz manchmal mehr gilt als hier, der beweist damit, daß er zum Politiker nicht taugt.

Im Wortlaut:

Allen voran Peer Steinbrück wählt deutliche Worte, wenn es darum geht, Steuerparadiese zu vermiesen. „Wir müssen nicht nur das Zuckerbrot benutzen, sondern auch die Peitsche“, sagte der Bundesfinanzminister nach einem Treffen mit seinen Kollegen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) am Dienstag in Paris.

Und so findet der Insurrektor, daß der peinliche Peer seinen Hut nehmen soll. Diesmal nicht wegen seiner finanz- und wirtschaftlichen Inkompetenz, sondern wegen seiner peinlichen Auftritte und seiner unfriedlichen Ausbrüche.

Übrigens sei auch der SPIEGEL erneut kritisiert, der seinen neuesten Artikel zum Thema unter die nicht gerade völkerverbindende Überschrift stellt: „Peitschen-Peer empört die Schwarzgeld-Schweizer“. Das insinuiert – ebenso wie der Bundesfinanzminister ohne Feingefühl – es wäre „Beihilfe zur Steuerhinterziehung“, wenn man die Daten schützt.

Verhaftet doch dann bitte auch die Dunkelheit wegen Beihilfe zu nächtlichem Straßenraub… Oder droht ihr mit der Peitsche.


Peer’s Klagelied

2008-10-27

Peer Steinbrück ist sicher nicht zu beneiden. Alle wollen ihm dreinreden; dabei versteht er auch so schon die Welt nicht mehr. Sollen die anderen doch wenigstens den Mund halten…

Da klagt er sein Leid der Bild am Sonntag:

Aus der Finanzkrise ergeben sich keine unmittelbaren Risiken für die Haushaltsplanung. Die Bundesregierung behält daher das Ziel bei, möglichst 2011 einen Haushalt ohne Neuverschuldung vorzulegen.
[...]
Aber Herr Ackermann hat doch auch die Hilfe des Staates angemahnt! All die letzten Jahre haben Bankvertreter gefordert, dass sich der Staat zurückziehen soll. Der völlig frei sich entfaltende Markt sei die Lösung und Garantie für Vernunft und Prosperität. Doch jetzt stellen wir – auch Herr Ackermann – fest, dass das falsch ist. Das hat zu Exzessen und Zügellosigkeit geführt. Maßlosigkeit und Risiko-Ignoranz haben Einzug gehalten. Jetzt kommt es zur notwendigen Korrektur. Das heißt aber nicht, dass das Pendel zurückschlägt auf eine totale Staatsgläubigkeit. Die ist genauso dämlich wie eine totale Marktgläubigkeit.
[...]
Es wäre gut, wenn die Politik jetzt arbeitet, verschiedene Maßnahmen prüft und so lange schlicht den Mund hält.

In der Tat: das Rettungspaket der Bundesregierung verpufft völlig wirkungslos. Bisher haben sich nur einige Landesbanken um die Staatsknete beworben, die diese aber aufgrund der Eigentümerstruktur sowieso bekämen, weil der Gesellschafter wie ein ordentlicher Kaufmann Eigenkapital nachschießen müßte.

Ist das so schwer zu verstehen? Wenn die Gehaltsbeschränkung zur Auflage gemacht wird? Wenn die gesamte Ökonomie in der Liquidätsfalle sitzt und die Banken lieber auf dem Geld sitzen als es in den Wirtschaftskreislauf zu lassen?

Paul Krugman, der sich in der Vergangenheit durch viele zutreffende Prognosen und Beurteilungen hervorgetan hat, schreibt jetzt in der New York Times:

It was good news when Mr. Paulson finally agreed to funnel capital into the banking system in return for partial ownership. But last week Joe Nocera of The Times pointed out a key weakness in the U.S. Treasury’s bank rescue plan: it contains no safeguards against the possibility that banks will simply sit on the money. “Unlike the British government, which is mandating lending requirements in return for capital injections, our government seems afraid to do anything except plead.” And sure enough, the banks seem to be hoarding the cash.
[...]
What’s happening, I suspect, is that the Bush administration’s anti-government ideology still stands in the way of effective action. Events have forced Mr. Paulson into a partial nationalization of the financial system — but he refuses to use the power that comes with ownership.

Whatever the reasons for the continuing weakness of policy, the situation is manifestly not coming under control. Things continue to fall apart.

Dem Nobelpreisträger hat der Insurrektor wenig hinzuzufügen. Außer, daß was Paul über Paulson sagt, ebenso für Steinbrück gilt: Die lang eingeübte Ideologie hindert beide Herren – und nicht nur diese! – daran, die Welt zu sehen, die Welt zu verstehen, und dem Verständnis der Welt entsprechend zu handeln.

Übrigens bringen Steuersenkungen aus denselben Gründen nicht den gewünschten Effekt. Diejenigen, die von ihnen profitieren könnten, würden bloß „auf dem Geld sitzen“, es horten, statt als Nachfrager oder Investoren aufzutreten. Nur Staatsinvestitionen können den Zirkel durchbrechen.

Da er das nicht begreifen kann, sitzt Peer Steinbrück inmitten des Kreises, versteht die Welt nicht mehr, träumt von ausgeglichenen Haushalten wie sein Kabinettskollege Scholz von Vollbeschäftigung. Und zwischendurch klagt er sein Leid der BamS. Parallel dazu „Things continue to fall apart.“


Fuß im Mund: Sinn’s Unsinn

2008-10-27

Für sich nennt der Insurrektor ihn ohnehin seit langem meist Hans-Werner Unsinn. Sein derzeit Welllen schlagender Vergleich von Juden und Bankmanagern ist strukturell allerdings nicht untypisch für den Präsidenten des Ifo-Instituts. Manchmal nimmt der eben den Mund zu voll, indem er zum Beispiel den Fuß hineinsteckt…

Auffällig ist hier lediglich, daß er diesmal mit einem Judenvergleich statt mit einer seiner unvergleichlichen ökonomischen Halbwahrheiten aufgefallen ist. Sowas aber nimmt man in Deutschland nicht so gelassen hin wie die sinnentleerte Repetition neoliberaler Sinnsprüche. Von deren unangetasteter Gültigkeit sind trotz vielfacher empirischer Widerlegung nach wie vor sowohl die Regierung als auch ihre Hofberichterstatter selber im tiefsten Innern überzeugt. Weswegen sie den üblichen Sinn-Unsinn tolerieren.

Das Sinn-Muster ist hier wie immer: Man gehe aus von einem Salzkörnchen Wahrheit, fasele dann zusammen, was das Zeug hält – und setze ein medienwirksames Highlight oben drauf.

Das kleine Körnchen Wahrheit, sonst schonmal die einfache Tatsache, daß Märkte besser allozieren als Planer, oder daß niedrige Steuern ceteris paribus besser sind als hohe, ist in diesem Fall:

In jeder Krise wird nach Schuldigen gesucht, nach Sündenböcken.

Und diesmal seien es die Manager. Soweit hat der Mann die Wahrheit gesagt. In der Tat lenkt die gegenwärtige Debatte allzugern von den strukturellen Ursachen, zu denen auch die Befolgung der Sinn-Empfehlungen gehörte, ab und verwandelt die Analyse in eine Diskussion über die „Schuldfrage“. (Zum Beispiel, wenn Bernhard Bueb im ZDF alles auf ein „Führungsdefizit“ reduziert.)

Damit er aber nicht selber fast alles widerrufen muß, was er in den letzten Jahren empfohlen hat, flüchtet er sich auch hier in sein übliches Geschwafel:

Einige haben auf Deregulierung gesetzt. Niemand wollte die staatliche Regulierung völlig abschaffen – das gerät in der Debatte derzeit durcheinander. Auch die liberalen Ökonomen haben immer gesagt, dass es um einen funktionierenden Staat geht, der dem Markt die Regeln vorgibt. Wie beim Fußball: Damit das Spiel läuft, braucht es einen Schiedsrichter – ohne ihn würden die Spieler mit den Fäusten aufeinander losgehen. Mit diesem Ordoliberalismus, den Leute wie Walter Eucken oder Ludwig Erhard geprägt haben, sind wir bislang gut gefahren. Liberale Ökonomen wollen nur nicht wie manche linke Ideologen, dass der Schiedsrichter selbst mitspielt und für die unterlegene Mannschaft Tore schießt.

Und:

Hätte man nichts getan, wie 1929, wären die Folgen dramatisch gewesen: eine Kernschmelze im Finanzsystem, Massenarbeitslosigkeit, die Radikalisierung der westlichen Welt, am Ende eine Systemkrise der Marktwirtschaft. Die deutsche Geschichte ist hier ja ganz klar. Der Nationalsozialismus ist aus der Krise zwischen 1929 und 1931 entstanden. Auch heute stehen Rattenfänger wieder parat.

Womit er wieder nicht ganz falsch liegt. Aber inhaltlich will der Insurrektor nicht wiederholen, was er hier, hier und hier bereits gesagt hat.

Das Highlight, mit dem der Institutsökonom die Aufmerksamkeit auf sich lenkt, findet sich in dem nicht ganz unschuldigen und nicht ganz unrichtigen Absatz:

In jeder Krise wird nach Schuldigen gesucht, nach Sündenböcken. Auch in der Weltwirtschaftskrise von 1929 wollte niemand an einen anonymen Systemfehler glauben. Damals hat es in Deutschland die Juden getroffen, heute sind es die Manager. Als Volkswirt sehe ich stattdessen falsche Anreize und fehlende Regeln. Schauen Sie sich den Straßenverkehr in Indien an. Die Leute fahren links, rechts, auf dem Bürgersteig, das ist abenteuerlich. Der Verkehr kommt deswegen immer wieder ins Stocken. Sind daran die „Manager“ an den Steuerrädern schuld oder fehlende Verkehrsregeln?

[Hervorhebung des Insurrektors]

Tatsächlich wurde damals von zu vielen alle Schuld an dem wirtschaftlichen Chaos „den Juden“ gegeben. Trotzdem ist der Vergleich beleidigend. Für die Juden, denen in der Folge Besitz, Heimat, Menschenwürde, Leben in grausamster Weise genommen wurde. Aber auch für die, die jetzt eine moralische Verantwortung auch der Manager einfordern. Werden sie doch mit den Nazis und den protonazistischen Antisemiten anderer Weimarer Parteien in einen Topf geworfen.

Der Insurrektor kann dem Grünen Volker Beck durchaus zustimmen:

Die Wirtschaftskompetenz von Herrn Sinn mag in der Fachwelt strittig sein. Seine Geschichtsvergessenheit ist ab heute unumstritten.

Sinn’s Wirtschaftskompetenz ist umstritten. Seine geschichtlichen Einlassungen sind unumstritten geschmacklos. Nun ja: Wenn man schon „Sinn“ heißt, muß man ihn ja nicht in auch in seine Interviews hineinlassen.

UPDATE (2008-10-27): Hans-Werner Sinn entschuldigt sich für seinen Judenvergleich:

Die tiefe persönliche Freundschaft „mit vielen jüdischen Kollegen auf dieser Welt und meine Scham und mein Entsetzen gegenüber dem, was den Juden von Deutschen angetan wurde, haben mein Leben geprägt. Sie sind unveränderbar. Ich bitte die jüdische Gemeinde um Entschuldigung und nehme den Vergleich zurück“, erklärte Sinn weiter.

Der Ifo-Präsident „nimmt seinen Vergleich zurück“. Der Insurrektor seinen Kommentar nicht.


Gedankensplitter zur Wirtschaftskrise

2008-10-21

Der Insurrektor muß der Versuchung widerstehen, allen Verästelungen der Finanz- und Wirtschaftskrise nachgehen zu wollen, sonst wird es ihm nie wieder gelingen, auch nur einen einzigen Artikel zu diesem Thema zu veröffentlichen. Daher nur ein paar kleine Anmerkungen:

1. Managergehälter und Boni

Als Oskar Lafontaine vor geraumer Zeit die unsägliche Debatte über die Begrenzung von Managergehältern anzettelte war man sich in Regierungskreisen einig: Es handele sich um reinen Populismus. Der Bundesregierung war dabei voll zuzustimmen. Leider muß man denselben Leuten nun den Vorwurf machen, nicht nur diesen populistischen Quatsch zu reden, sondern auch danach zu handeln.

Beim Rettungspaket kommt es darauf an, die Banken mit Liquidität und Vertrauen auszustatten. Das kann nur funktionieren, wenn die Banken sich dazu entscheiden, die Leistungen aus dem Paket auch anzunehmen. Diese Entscheidung wird von genau den Personen getroffen, deren Gehälter man für den Fall der Inanspruchnahme begrenzen und kürzen will.

Es ist kaum zu erwarten, daß unter diesen Umständen das Paket da ankommt, wo es hin soll. Und schon gar nicht frühzeitig. Überdies wird man die wenigen weniger inkompetenten Banker auf diese Weise ins Ausland treiben und auf dem Rest, der nirgendwo Topverdiener werden könnte, sitzenbleiben.

Ein anderes Thema ist die Zahlung von Boni, die unter Vernachlässigung der langfristigen Bankinteressen auf kurzfristigen Scheingewinnen und Aktienkurssprüngen beruhen. Diese wären durch langfristig orientierte Anreize zu ersetzen.

2. Haushaltkonsolidierung verschieben

Natürlich ist auch der Insurrektor ein Anhänger ausgeglichener Haushalte. Hohe Staatsverschuldung bedeutet nicht nur moralisch die Abwälzung der gegenwärtigen Kosten auf künftige Generationen, sondern hat auch – wegen der Kreditnachfrage des Staates – allerlei kurz- und mittelfristig negative ökonomische Auswirkungen.

Dennoch gibt es eine Zeit zu säen und eine Zeit zu ernten. Und eine Rezession ist nicht die Zeit, die öffentlichen Haushalte zu entschulden. Paul Krugman, der neuste Nobelpreisträger für Ökonomie, sprach diesen Punkt kürzlich in der New York Times an. Und selbst der sonst eher monetaristische Ben Bernanke plädiert jetzt für ein stimulus package. Es wäre an der Zeit, daß man sich in Deutschland auch wieder darauf besinnt, daß in der Rezession Keynes’ Ratschläge denen Milton Friedmans überlegen sind, und daß es neben der supply side auch eine Nachfrageseite gibt. (Dazu unten noch mehr…)

Der letzte deutsche Kanzler, der eine Haushaltskonsolidierung in der Rezession versucht hat, hieß übrigens Brüning – und da sollte es klingeln…

3. Nachfrage stimulieren

Derzeit versackt das Geld noch in der Liquiditätsfalle. Um es in die ökonomisch wirksame Zirkulation zu bringen, muß die Nachfrage stimuliert werden. (Wer oben dem Krugman-Link noch nicht gefolgt ist, sollte es jetzt tun…)

Dazu gehört dann natürlich neben Staatsinvestitionen in Infrastruktur, Bildung und Forschung, neben der Förderung von Energiealternativen, auch ein Dringen auf konsumstimulierende Lohnerhöhungen und eine deutliche Erhöhung der Renten und Arbeitslosenbezüge. Die Binnennachfrage muß angekurbelt werden.

Um die Lücke zwischen Transfereinkommen und Lohneinkommen nicht weiter zu verkleinern, sollte man sich endlich auch zu einem gesetzlichen Mindestlohn für alle Branchen durchringen. Anpassungen der Tarifverträge nach oben können dann das Gefüge wiederherstellen.

4. Berater auswechseln

In den letzten Jahrzehnten hat in der BRD mehr und mehr die Angebotsökonomik fröhliche Urstände gefeiert. Die gegenwärtige Krise ist unter anderem eine Folge dieser falschen Beratung. Daher ist es nun an der Zeit, die Berater zu wechseln.

Merkels unsäglicher Versuch, Tietmeyer zum Chefberater der Bundesregierung zu machen, ist ja leider nicht an dessen ökonomischer Ausrichtung gescheitert, sondern nur an dem unglücklichen Umstand, daß es ihn in diesem Jahr in den Aufsichtsrat der Hypo Real Estate verschlagen hatte. Da konnte er zwar nicht wirkllich etwas für das katastrophale Geschäftsmodell, aber wenigstens ist er uns als Chefberater erspart geblieben. Leider ist Otmar Issing von seiner Grundausrichtung so verschieden nicht.

Wir müssen uns – nicht nur in Deutschland – von der Fixierung auf die Angebotsseite befreien.

Hierzu noch einmal Paul Krugman in einem 1999 geschriebenen Kommentar , der ganz gelesen zu werden verdient:

The specific set of silly ideas known as ’supply-side economics’ is a crank doctrine, which would have little influence if it did not appeal to the prejudices of wealthy men; but over the past few decades there has been a steady drift in thinking away from the demand side to the supply side of the economy. The truth is that good old -fashioned demand-side macroeconomics has a lot to offer in our current predicament – but its defenders lack all conviction.

Paradoxically, if the theoretical weaknesses of demand-side economics are one reason we were unready for the return of depression-type issues, its practical successes are another. Central banks have repeatedly managed demand – cutting rates to keep spending high – so effectively that a prolonged slump due to insufficient demand became inconceivable. Except in the very short run, then, the only limitation on economic performance was an economy’s ability to produce – that is, the supply-side.

Meanwhile, in the short run the world is lurching from crisis to crisis, all of them crucially involving the problem of generating sufficient demand. Japan is finding that conventional policies aren’t enough; if it can happen to Japan, how sure can we be that Europe or even the still-booming US will not find itself in the same trap? Mexico, Thailand, Malaysia, Indonesia, Korea, Brazil: one developing country after another has experienced a recession that undoes years of economic progress, and finds that the conventional responses only make things worse.

The question of how to keep demand adequate to make use of the capacity has become crucial. Depression economics is back.

UPDATE (2008-10-22)

Der Insurrektor möchte noch hinzufügen, daß es sich natürlich nicht um eine Krise des Kapitalismus handelt, sondern um eines der vielen möglichen Krisenszenarien im Kapitalismus. Die Märkte (Finanzmärkte und Geldmarkt) versagen nicht, weil Märkte nun einmal versagen, sondern weil bestimmte Voraussetzungen für das Funktionieren von Märkten nicht erfüllt sind. (Darauf ist in diesem Blog schon hingewiesen worden.)

Ferner hat man – eingeschläfert bis zur Dämlichkeit durch die Dauerberieselung mit angebotsökonomischen Tranquillizern – übersehen, daß Zinssenkungen und geldpolitische Maßnahmen nur dann greifen, wenn die Ökonomie nicht in der Liquidätsfalle steckt.

Und diese ist trotz der etwas belebten Interbankkredite nach wie vor gegeben. Immerhin verwenden die Banken das zusätzliche Geld nicht zur Ausweitung ihrer Kreditvergabe an Nichtbanken. Erst dann könnte das Geld in ausreichendem Maße tun, was es muß: Umlaufen, Zirkulieren.


Der Kapitalismus am Tropf?

2008-10-02

Was ist los an den Finanzmärkten? Was ist los in der Wirtschaftspolitik? Man traut seinen Augen und Ohren nicht.

Großbanken platzen vor aller Augen. Andere Großbanken verleiben sich die umherfliegenden Leichenteile ein. Die Börsenkurse tanzen Tarantella, die Zinsen steigen, Kredite für realwirtschaftliche Zwecke werden immer zögerlicher gegeben. Das Geld kreist primär im kleinen Kreislauf der sich gegenseitig stützenden Finanzinstitutionen.

Der US Senat beschließt ein 700 Milliarden Dollar schweres Rettungspaket, bailout genannt. Der Name suggeriert das Freikaufen von mutmaßlichen Kriminellen aus der Untersuchungshaft.

Die Deregulierer aller Länder vereinigen sich – und fordern plötzlich eine erweiterte Regulierung der Finanzmärkte. Nicht nur etatistisch oder sozialistisch angehauchte Linke, sondern gestandene Neocons und Neolibs…

Zwar bisher noch gegen Merkel fordert die französische Ratspräsidentschaft einen europäischen bailout. Von 300 Milliarden Euro wird geredet. Und das nachdem uns doch alle versichert haben: Die europäischen Banken sind sicher.

Vor allem die Deutschen Banken. Siehe dazu nur die Hypo Real Estate, die man jetzt mit Bürgschaften am K…, sorry, im Vollzug des Stuhlgangs, hält.

Im folgenden wird immer wieder das Wörtchen „Bankenkrise“ Verwendung finden. Genaugenommen handelt es sich bei dem zu besprechenden Komplex nicht ausschließlich um eine Krise der Banken. Bankähnliche Institutionen (wie z. B. die equity fonds) sind ebenso betroffen wie Versicherungen (nicht nur als Kreditversicherer). Trotzdem scheint ein kurzes Schlagwort angemessen: Bankenkrise, Finanzkrise, nach gusto.

Bailout, ja bitte!

Der Insurrektor ist prinzipiell dagegen, wenn der Staat verfehlte Unternehmenspolitiken dadurch belohnt und fördert, daß er die Verluste aus riskanten Geschäften sozialisiert, aber die Gewinne in privaten Händen bei denen beläßt, die die Pleiten verbockt haben. (Moral Hazard ist das Kennern lang vertraute Schlagwort, das nun mit einem Schlag immer populärer wird.)

Fundamentalistisch ist klar: Statt einer Freikaufaktion muß man dem Markt überlassen, die Spreu vom Weizen zu trennen, die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen zu sortieren. An den Ursachen arbeite man. Und dennoch…

Man stelle sich vor, Armeechirurg zu sein, Feldarzt. Auf dem Tisch liegt ein Soldatenkörper mit starken Blutungen. Sicher ist es richtig, über die Ursachen nachzudenken: ein verfehlter und verwerflicher Krieg, eine ungeschickte Militärstrategie, eine irrsinnige Taktik… Sicher darf man dann darüber nachdenken, einer Organisation im Stile von Ärzte gegen den Krieg beizutreten, dem Oberkommando die taktischen Dummheiten der Offiziere zu melden, und all die mittel- und langfristig richtigen Dinge zu tun.

Aber dem Feldarzt obliegen zunächst einmal diese ebenfalls nicht ganz simplen Aufgaben: Blutung stillen, Kreislauf stabilisieren. Beschränkt er sich darauf, können wir ihn rügen; verzichtet er darauf, hat er seinen Beruf verfehlt.

Was passierte, wenn man – theoretisch rein und richtig – die betroffenen Banken und Pseudobanken dem Insolvenzverfahren überließe? Eine Welle breitete sich aus, die Geldmenge käme nicht mehr bei den (Real-)Unternehmen an, zirkulierte nur noch zwischen den Banken. Kurzfristige Kassenkredite zur Bezahlung von Lieferanten und zur Auszahlung von Löhnen würden knapp. Kleine Unternehmen zunächst, dann größere, rutschten an den Rand der Pleite. Zahlungsunfähigkeit blühte. Allmählich schlidderte die gesamte Realwirtschaft in eine nachhaltige Rezession.

Also: Bailout, ja bitte! Aber wenn, dann richtig.

Und die deutsche Methode der Bürgschaften ist verglichen mit der amerikanischen die schlechtere Lösung. Sie injiziert lediglich Geld in das gescheiterte Unternehmen, ohne daß dessen miserable Vermögensstruktur sich änderte. Um noch einmal auf den Feldarzt zurückzukommen: Es reicht nicht, dem Verwundeten eine Infusion mit einem Plasmaexpander und/oder isotonischer Kochsalzlösung zu geben. Die Blutung muß gestillt werden. Genau das tut der Paulsonplan: Er nimmt die faulen Eier aus dem Korb und sammelt sie in einem staatlichen Tresor, aus dem dann die besseren Teile später eventuell sogar mit Gewinn verkauft werden können. Steinbrück und Merkel dagegen geben Aspirin und Wasser, viel Wasser…

Reicht das?

Die Frage in der Zwischenüberschrift ist natürlich rhetorisch und überdies oben schon beantwortet. Es reicht nicht, die Ursachen müssen bekämpft, gegebenenfalls die Täter verhaftet werden. Vor allem muß für die Zukunft eine Wiederholung verhindert werden. Das setzt eine Analyse sine ira et studio voraus. Vollständig kann der Insurrektor sie in einem kurzen oder langen Artikel nicht liefern, daher nur ein paar Gedanken zum Selber-weiter-denken:

1. Finanzmärkte funktionsfähig machen

Märkte sind der effizienteste Mechanismus zur optimalen Allokation von Gütern. Keine zentrale Steuerung kann die Myriaden von Güterströmen ohne Verschwendung steuern und koordinieren. An dieser prinzipiellen Unfähigkeit zentraler Steuerung sind die nur dem Namen nach sozialistischen, de facto staatsmonopolkapitalistischen Volkswirtschaften des „Ostblocks“ gescheitert.

Damit Märkte in der Praxis annähernd funktionieren wie sie in der Theorie des allgemeinen Gleichgewichts (bei Walras und seinen Nachfolger) funktionieren, müssen eine ganze Reihe von Voraussetzungen erfüllt sein, aus denen ich hier zwei herausgreifen möchte, weil sie gegenwärtig bei den Finanzmärkten eklatant nicht erfüllt sind.

Transparenz

Märkte müssen transparent sein. Es ist aber ein offensichtlicher Mangel an Transparenz, wenn Produkte gehandelt werden, deren Natur und Struktur den Marktteilnehmern nicht bekannt sind. Genau das gilt aber für Derivate von Derivaten von Derivaten von … von realwirtschaftlichen Gütern.

Wenn niemand weiß, womit gehandelt wird; wenn ein Anleger oder ein Investmentbanker nicht weiß, welche Binnenstruktur ein Finanztitel hat, den er handelt; wenn unklar ist, wie „gut“ die darin gebündelten Forderungen sind – dann ist fraglich, ob es sich überhaupt noch um einen Markt im Sinne der Theorie handelt. Transparenz wird dann schlechterdings unmöglich.

Demnach: Der Schachtelung, Bündelung, Vertermingeschäftung Grenzen setzen! Natürlich mit ordnungspolitischen Mitteln. Über Details wird man streiten müssen, aber die Richtung muß gesehen werden. Derzeit gibt es Anzeichen dafür, daß wenigstens die Richtung von vielen gesehen wird – wenn man einer nichtrepräsantitiven Stichprobe diverser „Experten“ in Fernsehtalkshows glauben darf.

Polypol/Polypson

Der effiziente Markt der Theorie hat „viele“ Teilnehmer, die alle „genügend klein“ sein. „Genügend klein“ heißt, daß es keinen Marktteilnehmer geben darf, der allein einen Einfluß auf das Marktgeschehen hat.

Wird eine Bank so groß, daß ihr Verschwinden, ihr Konkurs das System zum Zusammenbruch bringen könnte, erfüllt sie dieses Kriterium nicht mehr. Sie könnte dann auch mit ihren Käufen und Verkäufen den Preis beeinflussen.

Die Finanzmärkte aber wimmeln von sogenannten Global Playern, die zu groß sind. Wir haben es mit einem Oligopol zu tun. Leider ist die Theorie der Oligopole recht schwierig, so daß primär die Fälle mit sehr wenigen – zwei, drei – Oligopolisten untersucht wurden und werden. Diese Ergebnisse zeigen aber eins recht deutlich: oligopolistische Märkte verhalten sich nicht so, wie die Theorie des allgemeinen Gleichgewichts es erfordert.

Dieser Punkt, wichtiger noch als die Begrenzung der Intransparenz, wird leider, wenn die Fernsehdiskussionen erneut als Indikator verwendet werden, nicht einmal angesprochen. Es scheint, daß die individuellen Interessen der einzelnen Banken an „Größe“ immer noch wichtiger genommen werden als das gesamtwirtschaftliche Interesse daran, daß die Banken klein sein müssen.

Demnach: Small is beautiful – auch und gerade für Banken! Ganz nebenbei ergibt sich daraus, daß es konraproduktiv ist, wenn nun eine noch nicht bankrotte Großbank die pleite gegangene Konkurrenz übernimmt.

2. Verantwortlichkeit erzwingen

An manchen Stellen wurde es diskutiert: Die Bankenkrise ist auch eine Verhaltenskrise. Allerdings greift die Argumentation eines Bernhard Bueb (etwa in Maybrit Illners Runde am 18.09.2008) zu kurz, wenn er das Problem primär bei Personen lokalisiert. Eine „Charakterelite“ in den Führungsetagen der Banken hätte lediglich bewirkt, daß die mit „Charakterstärke“ geführten Banken in den Goldgräberzeiten sehr schnell feindlich von „charakterlos“ geführten Konkurrenten übernommen worden wären.

Sicher muß in jedem einzelnen Fall nachgeschaut werden, wieweit persönliches Versagen einzelner „Unternehmensführer“ diese strafrechtlich oder moralisch verantwortlich macht, und wieweit das vergangene, kurzfristig orientierte und risikoüberladene Verhalten diese Personen für die Zukunft für derartige Positionen untragbar macht. Aber solange strukturell die „Charakterlosigkeit“ gefördert wird, können die Buebs dieser Welt nur folgenlos klagen und ein „moralisch-kritisches Feigenblättchen“ abgeben, daß die Schande des Systems ungenügend verhüllt. (Ehrlicher war da in derselben Sendung Cordula Stratmann, die wenigstens offen zugab, daß sie die Komplexität nicht versteht und deswegen auf die Personen abhob.)

Strukturell die Übernahme von Verantwortung zu fördern kann nur gehen, indem der Kredithandel eingeschränkt wird. Der EU-Vorschlag geht, obwohl lungensüchtig und schwachbrüstig, wenigstens in die richtige Richtung: „Selbstbehalt bei Kreditverbriefungen“. (siehe auch hier und hier)

Im Kern bedeutet das, daß gemäß McCreevy eine Bank wenigstens für 5% [sic!] ihrer Kredite selber das Risiko übernehmen muß. „Nur“ 95% der eingegangenen Risiken darf sie verkaufen und damit gebündelt und intransparent gemacht auf andere abwälzen.

Wie gesagt: die Richtung stimmt, aber selbst die von Peer Steinbrück vorgeschlagenen 20% Selbstbehalt wären noch zu zögerlich. Der Insurrektor favorisiert in der Theorie 100%, würde sich aber in der Praxis mit 40% als genügend risikodämmend abfinden. (Ein leider auf Kreditnehmerseite moral hazard erzeugendes Modell könnte zudem fordern, daß bei jedem Kreditverkauf der ursprüngliche Kreditnehmer den Kredit zu den gleichen Konditionen zurückkaufen kann, den der private equity fond zahlen müßte. Das zwänge die Banken ebenfalls zu Vernunft bereits bei der Kreditvergabe.)

Hierher gehört auch, daß man dem Eigenkapitalanteil eine Untergrenze setzt. Es ist zwar spekulativ reizvoll, mit geliehenem Geld („Fremdkapital“) zu zocken, also mit hohem Leverage zu arbeiten, aber es ist auch fatal, wenn’s denn schief ausgeht.

3. Besteuerung von Finanztransaktionen

Steuern steuern. Dieses Wortspiel ist zwar leider nur im Deutschen möglich, aber es bezeichnet Möglichkeiten und Grenzen der Steuerpolitik.

Die gute alte Tobinsteuer erlebt zum Glück – bisher leider nur im öffentlichen Diskurs – eine Renaissance. Vielleicht könnte man die Steuersätze noch danach staffeln, wie weit entfernt von der Realwirtschaft eine Finanztransaktion ist: Zum Beispiel unterläge dann ein Devisentermingeschäft, das zur Absicherung des Währungsrisikos beim Ankauf von Rohstoffen für die Produktion dient, einer niedrigeren Tobinsteuer als der Terminhandel mit den Fondsanteilen an einem Bündel von Devisenoptionen.

Sinnvoll ist deren Einführung aber nur, wenn sie an allen „Marktplätzen“ gilt. Internationale Zusammenarbeit ist hier zwingend. Angenommen alle EU-Staaten und die USA schafften es, Japan mit ins Boot zu bekommen und in diesem Bereich die Steuer einzuführen. Würde dann nicht etwa Indonesien mit ziemlichem Erfolg den Löwenanteil an reinen Finanztransaktionen nach Singapur ziehen können, indem es tobinsteuerfreie Märkte offeriert?

Sicher gibt es dagegen – nach dem Vorbild von Zöllen – Methoden, aber man muß sich darauf einrichten, auch diese international zu koordinieren. Detailarbeit an derartigen Regelungen steht aus.

4. Böcke nicht mehr gärtnern lassen

Henry Merrit (genannt „Hank“) Paulson, der aktuelle Finanzminister der USA war in seinem Vorleben – richtig: Investmentbanker. Über 30 Jahre arbeitet der Mann für Goldmann Sachs, zuletzt als Chief Executive Officer. Demnach ist er in hohem Maße mitverantwortlich für eine Unternehmenspolitik, die andere Institute bereits in die Pleite geführt hat. Damit gehört er sicher zu den Brandstiftern, die sich jetzt dafür loben lassen, daß sie beim Löschen helfen.

Wenn die Politiker fachkundigen Rat suchen, was die aktuelle Bankenkrise betrifft, eilen sie zu den Bankern, um deren Sachkunde anzuzapfen. Eine Sachkunde, die schon einzelwirtschaftlich zahlreiche Unternehmen in die Pleite geführt hat, deren fatale Auswirkungen aber erst dann sichtbar werden, wenn man das – für die Einzelbank noch sinnvoll erscheinende – Verhalten auf alle verallgemeinert.

Zu den Böcken gehören übrigens auch diejenigen, die aus einer vermeintlich sozialen Ader heraus mit staatlichen Mitteln gefördert haben, daß Kredite an nicht kreditwürdige Personen vergeben werden, weil es ja so unamerikanisch ist, kein eigenes Haus zu haben, oder weil es Rassismus ist, wenn die – im Schnitt ärmeren – Schwarzen überdurchschnittlich häufig zur Miete wohnen.

Fazit

Wenn er vor einem brennenden Haus steht und sieht, daß die Brandstifter ebenfalls löschen, dann läßt der Insurrektor sie gewähren. Er selber beteiligt sich an der Bekämpfung des Feuers. Anschließend verhaftet er die Brandstifter.

Danach kümmert er sich um die Revision der Brandschutzvorschriften und die Installation von Rauchmeldern und Wassersprinklern.

Die Gegner des Bailouts verhalten sich im Prinzip anders: Sie ziehen drei Feuerwehrmänner ab, um die drei Brandstifter abzuführen. Netto bedeutet das, daß sechs Leute weniger löschen…

Vielfach sehen sie damit ihre Aufgabe als erledigt an. Wahrscheinlich war das Haus sowieso baufällig, und jetzt bekommen wir ein neues. Ein viel schöneres – ohne Rauchmelder und Sprinkler…

Update [2008-10-02]

catocon kommentiert hierzu unter anderem:

Radikalmaßnahmen, wie etwa 5% des BIP zur Rettung von Banken auszugeben, in der Hoffnung (und mehr als eine Hoffnung ist es nicht, denn niemand kann die Folgen der Rettungsaktion absehen), daß sich die Wall Street befriedigt zeigt, führen uns nicht weiter. Das Geld muß entweder aus den Taschen der Steuerzahler kommen, was auch wieder gesamtwirtschaftliche Folgen haben kann, oder durch Schulden finanziert werden (und wer finanziert die? Die Banken, die gerettet werden sollen? Das Ausland? Auslandsschulden sind keine sonderlich gute Idee…).

Es ist eine Illusion, zu glauben, daß nur im Falle des bailout der „Steuerzahler“ die Zeche zahlen muß. Die von catocon halb bestrittene, halb verniedlichte und offenbar eher als „heilsam“ empfundene Rezession wäre ja nicht kostenfrei für Steuern zahlende Bürger. Alle Bürger, Steuerzahler wie aufgrund niedriger oder nicht vorhandener Einkommen von der Steuer ausgenomme, zahlten den Preis dieser dubiosen Heilung: in Gestalt von steigender Arbeitslosigkeit, fortschreitender Handlungsunfähigkeit des Staates aufgrund massiv sinkender Steuereinnahmen, möglicherweise zugleich steigender Preise (Stagflation) – und in bestimmtem Umfang auch durch Verlust von angelegtem Geld, trotz der existierenden Garantien.

Nur, daß beim von catocon hier und hier empfohlenen „Nichtauslösen“ vor allem die belastet würden, die wenig bis nichts haben. Läßt man „nur“ die Steuerzahler bluten, wäre es wenigstens aufgrund des progressiven Steuertarifs so, daß die Lasten eher nach Leistungsfähigkeit als nach ökonomischer Wehrlosigkeit geteilt würden.