Was ist los an den Finanzmärkten? Was ist los in der Wirtschaftspolitik? Man traut seinen Augen und Ohren nicht.
Großbanken platzen vor aller Augen. Andere Großbanken verleiben sich die umherfliegenden Leichenteile ein. Die Börsenkurse tanzen Tarantella, die Zinsen steigen, Kredite für realwirtschaftliche Zwecke werden immer zögerlicher gegeben. Das Geld kreist primär im kleinen Kreislauf der sich gegenseitig stützenden Finanzinstitutionen.
Der US Senat beschließt ein 700 Milliarden Dollar schweres Rettungspaket, bailout genannt. Der Name suggeriert das Freikaufen von mutmaßlichen Kriminellen aus der Untersuchungshaft.
Die Deregulierer aller Länder vereinigen sich – und fordern plötzlich eine erweiterte Regulierung der Finanzmärkte. Nicht nur etatistisch oder sozialistisch angehauchte Linke, sondern gestandene Neocons und Neolibs…
Zwar bisher noch gegen Merkel fordert die französische Ratspräsidentschaft einen europäischen bailout. Von 300 Milliarden Euro wird geredet. Und das nachdem uns doch alle versichert haben: Die europäischen Banken sind sicher.
Vor allem die Deutschen Banken. Siehe dazu nur die Hypo Real Estate, die man jetzt mit Bürgschaften am K…, sorry, im Vollzug des Stuhlgangs, hält.
Im folgenden wird immer wieder das Wörtchen „Bankenkrise“ Verwendung finden. Genaugenommen handelt es sich bei dem zu besprechenden Komplex nicht ausschließlich um eine Krise der Banken. Bankähnliche Institutionen (wie z. B. die equity fonds) sind ebenso betroffen wie Versicherungen (nicht nur als Kreditversicherer). Trotzdem scheint ein kurzes Schlagwort angemessen: Bankenkrise, Finanzkrise, nach gusto.
Bailout, ja bitte!
Der Insurrektor ist prinzipiell dagegen, wenn der Staat verfehlte Unternehmenspolitiken dadurch belohnt und fördert, daß er die Verluste aus riskanten Geschäften sozialisiert, aber die Gewinne in privaten Händen bei denen beläßt, die die Pleiten verbockt haben. (Moral Hazard ist das Kennern lang vertraute Schlagwort, das nun mit einem Schlag immer populärer wird.)
Fundamentalistisch ist klar: Statt einer Freikaufaktion muß man dem Markt überlassen, die Spreu vom Weizen zu trennen, die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen zu sortieren. An den Ursachen arbeite man. Und dennoch…
Man stelle sich vor, Armeechirurg zu sein, Feldarzt. Auf dem Tisch liegt ein Soldatenkörper mit starken Blutungen. Sicher ist es richtig, über die Ursachen nachzudenken: ein verfehlter und verwerflicher Krieg, eine ungeschickte Militärstrategie, eine irrsinnige Taktik… Sicher darf man dann darüber nachdenken, einer Organisation im Stile von Ärzte gegen den Krieg beizutreten, dem Oberkommando die taktischen Dummheiten der Offiziere zu melden, und all die mittel- und langfristig richtigen Dinge zu tun.
Aber dem Feldarzt obliegen zunächst einmal diese ebenfalls nicht ganz simplen Aufgaben: Blutung stillen, Kreislauf stabilisieren. Beschränkt er sich darauf, können wir ihn rügen; verzichtet er darauf, hat er seinen Beruf verfehlt.
Was passierte, wenn man – theoretisch rein und richtig – die betroffenen Banken und Pseudobanken dem Insolvenzverfahren überließe? Eine Welle breitete sich aus, die Geldmenge käme nicht mehr bei den (Real-)Unternehmen an, zirkulierte nur noch zwischen den Banken. Kurzfristige Kassenkredite zur Bezahlung von Lieferanten und zur Auszahlung von Löhnen würden knapp. Kleine Unternehmen zunächst, dann größere, rutschten an den Rand der Pleite. Zahlungsunfähigkeit blühte. Allmählich schlidderte die gesamte Realwirtschaft in eine nachhaltige Rezession.
Also: Bailout, ja bitte! Aber wenn, dann richtig.
Und die deutsche Methode der Bürgschaften ist verglichen mit der amerikanischen die schlechtere Lösung. Sie injiziert lediglich Geld in das gescheiterte Unternehmen, ohne daß dessen miserable Vermögensstruktur sich änderte. Um noch einmal auf den Feldarzt zurückzukommen: Es reicht nicht, dem Verwundeten eine Infusion mit einem Plasmaexpander und/oder isotonischer Kochsalzlösung zu geben. Die Blutung muß gestillt werden. Genau das tut der Paulsonplan: Er nimmt die faulen Eier aus dem Korb und sammelt sie in einem staatlichen Tresor, aus dem dann die besseren Teile später eventuell sogar mit Gewinn verkauft werden können. Steinbrück und Merkel dagegen geben Aspirin und Wasser, viel Wasser…
Reicht das?
Die Frage in der Zwischenüberschrift ist natürlich rhetorisch und überdies oben schon beantwortet. Es reicht nicht, die Ursachen müssen bekämpft, gegebenenfalls die Täter verhaftet werden. Vor allem muß für die Zukunft eine Wiederholung verhindert werden. Das setzt eine Analyse sine ira et studio voraus. Vollständig kann der Insurrektor sie in einem kurzen oder langen Artikel nicht liefern, daher nur ein paar Gedanken zum Selber-weiter-denken:
1. Finanzmärkte funktionsfähig machen
Märkte sind der effizienteste Mechanismus zur optimalen Allokation von Gütern. Keine zentrale Steuerung kann die Myriaden von Güterströmen ohne Verschwendung steuern und koordinieren. An dieser prinzipiellen Unfähigkeit zentraler Steuerung sind die nur dem Namen nach sozialistischen, de facto staatsmonopolkapitalistischen Volkswirtschaften des „Ostblocks“ gescheitert.
Damit Märkte in der Praxis annähernd funktionieren wie sie in der Theorie des allgemeinen Gleichgewichts (bei Walras und seinen Nachfolger) funktionieren, müssen eine ganze Reihe von Voraussetzungen erfüllt sein, aus denen ich hier zwei herausgreifen möchte, weil sie gegenwärtig bei den Finanzmärkten eklatant nicht erfüllt sind.
Transparenz
Märkte müssen transparent sein. Es ist aber ein offensichtlicher Mangel an Transparenz, wenn Produkte gehandelt werden, deren Natur und Struktur den Marktteilnehmern nicht bekannt sind. Genau das gilt aber für Derivate von Derivaten von Derivaten von … von realwirtschaftlichen Gütern.
Wenn niemand weiß, womit gehandelt wird; wenn ein Anleger oder ein Investmentbanker nicht weiß, welche Binnenstruktur ein Finanztitel hat, den er handelt; wenn unklar ist, wie „gut“ die darin gebündelten Forderungen sind – dann ist fraglich, ob es sich überhaupt noch um einen Markt im Sinne der Theorie handelt. Transparenz wird dann schlechterdings unmöglich.
Demnach: Der Schachtelung, Bündelung, Vertermingeschäftung Grenzen setzen! Natürlich mit ordnungspolitischen Mitteln. Über Details wird man streiten müssen, aber die Richtung muß gesehen werden. Derzeit gibt es Anzeichen dafür, daß wenigstens die Richtung von vielen gesehen wird – wenn man einer nichtrepräsantitiven Stichprobe diverser „Experten“ in Fernsehtalkshows glauben darf.
Polypol/Polypson
Der effiziente Markt der Theorie hat „viele“ Teilnehmer, die alle „genügend klein“ sein. „Genügend klein“ heißt, daß es keinen Marktteilnehmer geben darf, der allein einen Einfluß auf das Marktgeschehen hat.
Wird eine Bank so groß, daß ihr Verschwinden, ihr Konkurs das System zum Zusammenbruch bringen könnte, erfüllt sie dieses Kriterium nicht mehr. Sie könnte dann auch mit ihren Käufen und Verkäufen den Preis beeinflussen.
Die Finanzmärkte aber wimmeln von sogenannten Global Playern, die zu groß sind. Wir haben es mit einem Oligopol zu tun. Leider ist die Theorie der Oligopole recht schwierig, so daß primär die Fälle mit sehr wenigen – zwei, drei – Oligopolisten untersucht wurden und werden. Diese Ergebnisse zeigen aber eins recht deutlich: oligopolistische Märkte verhalten sich nicht so, wie die Theorie des allgemeinen Gleichgewichts es erfordert.
Dieser Punkt, wichtiger noch als die Begrenzung der Intransparenz, wird leider, wenn die Fernsehdiskussionen erneut als Indikator verwendet werden, nicht einmal angesprochen. Es scheint, daß die individuellen Interessen der einzelnen Banken an „Größe“ immer noch wichtiger genommen werden als das gesamtwirtschaftliche Interesse daran, daß die Banken klein sein müssen.
Demnach: Small is beautiful – auch und gerade für Banken! Ganz nebenbei ergibt sich daraus, daß es konraproduktiv ist, wenn nun eine noch nicht bankrotte Großbank die pleite gegangene Konkurrenz übernimmt.
2. Verantwortlichkeit erzwingen
An manchen Stellen wurde es diskutiert: Die Bankenkrise ist auch eine Verhaltenskrise. Allerdings greift die Argumentation eines Bernhard Bueb (etwa in Maybrit Illners Runde am 18.09.2008) zu kurz, wenn er das Problem primär bei Personen lokalisiert. Eine „Charakterelite“ in den Führungsetagen der Banken hätte lediglich bewirkt, daß die mit „Charakterstärke“ geführten Banken in den Goldgräberzeiten sehr schnell feindlich von „charakterlos“ geführten Konkurrenten übernommen worden wären.
Sicher muß in jedem einzelnen Fall nachgeschaut werden, wieweit persönliches Versagen einzelner „Unternehmensführer“ diese strafrechtlich oder moralisch verantwortlich macht, und wieweit das vergangene, kurzfristig orientierte und risikoüberladene Verhalten diese Personen für die Zukunft für derartige Positionen untragbar macht. Aber solange strukturell die „Charakterlosigkeit“ gefördert wird, können die Buebs dieser Welt nur folgenlos klagen und ein „moralisch-kritisches Feigenblättchen“ abgeben, daß die Schande des Systems ungenügend verhüllt. (Ehrlicher war da in derselben Sendung Cordula Stratmann, die wenigstens offen zugab, daß sie die Komplexität nicht versteht und deswegen auf die Personen abhob.)
Strukturell die Übernahme von Verantwortung zu fördern kann nur gehen, indem der Kredithandel eingeschränkt wird. Der EU-Vorschlag geht, obwohl lungensüchtig und schwachbrüstig, wenigstens in die richtige Richtung: „Selbstbehalt bei Kreditverbriefungen“. (siehe auch hier und hier)
Im Kern bedeutet das, daß gemäß McCreevy eine Bank wenigstens für 5% [sic!] ihrer Kredite selber das Risiko übernehmen muß. „Nur“ 95% der eingegangenen Risiken darf sie verkaufen und damit gebündelt und intransparent gemacht auf andere abwälzen.
Wie gesagt: die Richtung stimmt, aber selbst die von Peer Steinbrück vorgeschlagenen 20% Selbstbehalt wären noch zu zögerlich. Der Insurrektor favorisiert in der Theorie 100%, würde sich aber in der Praxis mit 40% als genügend risikodämmend abfinden. (Ein leider auf Kreditnehmerseite moral hazard erzeugendes Modell könnte zudem fordern, daß bei jedem Kreditverkauf der ursprüngliche Kreditnehmer den Kredit zu den gleichen Konditionen zurückkaufen kann, den der private equity fond zahlen müßte. Das zwänge die Banken ebenfalls zu Vernunft bereits bei der Kreditvergabe.)
Hierher gehört auch, daß man dem Eigenkapitalanteil eine Untergrenze setzt. Es ist zwar spekulativ reizvoll, mit geliehenem Geld („Fremdkapital“) zu zocken, also mit hohem Leverage zu arbeiten, aber es ist auch fatal, wenn’s denn schief ausgeht.
3. Besteuerung von Finanztransaktionen
Steuern steuern. Dieses Wortspiel ist zwar leider nur im Deutschen möglich, aber es bezeichnet Möglichkeiten und Grenzen der Steuerpolitik.
Die gute alte Tobinsteuer erlebt zum Glück – bisher leider nur im öffentlichen Diskurs – eine Renaissance. Vielleicht könnte man die Steuersätze noch danach staffeln, wie weit entfernt von der Realwirtschaft eine Finanztransaktion ist: Zum Beispiel unterläge dann ein Devisentermingeschäft, das zur Absicherung des Währungsrisikos beim Ankauf von Rohstoffen für die Produktion dient, einer niedrigeren Tobinsteuer als der Terminhandel mit den Fondsanteilen an einem Bündel von Devisenoptionen.
Sinnvoll ist deren Einführung aber nur, wenn sie an allen „Marktplätzen“ gilt. Internationale Zusammenarbeit ist hier zwingend. Angenommen alle EU-Staaten und die USA schafften es, Japan mit ins Boot zu bekommen und in diesem Bereich die Steuer einzuführen. Würde dann nicht etwa Indonesien mit ziemlichem Erfolg den Löwenanteil an reinen Finanztransaktionen nach Singapur ziehen können, indem es tobinsteuerfreie Märkte offeriert?
Sicher gibt es dagegen – nach dem Vorbild von Zöllen – Methoden, aber man muß sich darauf einrichten, auch diese international zu koordinieren. Detailarbeit an derartigen Regelungen steht aus.
4. Böcke nicht mehr gärtnern lassen
Henry Merrit (genannt „Hank“) Paulson, der aktuelle Finanzminister der USA war in seinem Vorleben – richtig: Investmentbanker. Über 30 Jahre arbeitet der Mann für Goldmann Sachs, zuletzt als Chief Executive Officer. Demnach ist er in hohem Maße mitverantwortlich für eine Unternehmenspolitik, die andere Institute bereits in die Pleite geführt hat. Damit gehört er sicher zu den Brandstiftern, die sich jetzt dafür loben lassen, daß sie beim Löschen helfen.
Wenn die Politiker fachkundigen Rat suchen, was die aktuelle Bankenkrise betrifft, eilen sie zu den Bankern, um deren Sachkunde anzuzapfen. Eine Sachkunde, die schon einzelwirtschaftlich zahlreiche Unternehmen in die Pleite geführt hat, deren fatale Auswirkungen aber erst dann sichtbar werden, wenn man das – für die Einzelbank noch sinnvoll erscheinende – Verhalten auf alle verallgemeinert.
Zu den Böcken gehören übrigens auch diejenigen, die aus einer vermeintlich sozialen Ader heraus mit staatlichen Mitteln gefördert haben, daß Kredite an nicht kreditwürdige Personen vergeben werden, weil es ja so unamerikanisch ist, kein eigenes Haus zu haben, oder weil es Rassismus ist, wenn die – im Schnitt ärmeren – Schwarzen überdurchschnittlich häufig zur Miete wohnen.
Fazit
Wenn er vor einem brennenden Haus steht und sieht, daß die Brandstifter ebenfalls löschen, dann läßt der Insurrektor sie gewähren. Er selber beteiligt sich an der Bekämpfung des Feuers. Anschließend verhaftet er die Brandstifter.
Danach kümmert er sich um die Revision der Brandschutzvorschriften und die Installation von Rauchmeldern und Wassersprinklern.
Die Gegner des Bailouts verhalten sich im Prinzip anders: Sie ziehen drei Feuerwehrmänner ab, um die drei Brandstifter abzuführen. Netto bedeutet das, daß sechs Leute weniger löschen…
Vielfach sehen sie damit ihre Aufgabe als erledigt an. Wahrscheinlich war das Haus sowieso baufällig, und jetzt bekommen wir ein neues. Ein viel schöneres – ohne Rauchmelder und Sprinkler…
Update [2008-10-02]
catocon kommentiert hierzu unter anderem:
Radikalmaßnahmen, wie etwa 5% des BIP zur Rettung von Banken auszugeben, in der Hoffnung (und mehr als eine Hoffnung ist es nicht, denn niemand kann die Folgen der Rettungsaktion absehen), daß sich die Wall Street befriedigt zeigt, führen uns nicht weiter. Das Geld muß entweder aus den Taschen der Steuerzahler kommen, was auch wieder gesamtwirtschaftliche Folgen haben kann, oder durch Schulden finanziert werden (und wer finanziert die? Die Banken, die gerettet werden sollen? Das Ausland? Auslandsschulden sind keine sonderlich gute Idee…).
Es ist eine Illusion, zu glauben, daß nur im Falle des bailout der „Steuerzahler“ die Zeche zahlen muß. Die von catocon halb bestrittene, halb verniedlichte und offenbar eher als „heilsam“ empfundene Rezession wäre ja nicht kostenfrei für Steuern zahlende Bürger. Alle Bürger, Steuerzahler wie aufgrund niedriger oder nicht vorhandener Einkommen von der Steuer ausgenomme, zahlten den Preis dieser dubiosen Heilung: in Gestalt von steigender Arbeitslosigkeit, fortschreitender Handlungsunfähigkeit des Staates aufgrund massiv sinkender Steuereinnahmen, möglicherweise zugleich steigender Preise (Stagflation) – und in bestimmtem Umfang auch durch Verlust von angelegtem Geld, trotz der existierenden Garantien.
Nur, daß beim von catocon hier und hier empfohlenen „Nichtauslösen“ vor allem die belastet würden, die wenig bis nichts haben. Läßt man „nur“ die Steuerzahler bluten, wäre es wenigstens aufgrund des progressiven Steuertarifs so, daß die Lasten eher nach Leistungsfähigkeit als nach ökonomischer Wehrlosigkeit geteilt würden.