Too big to fail?

Lehman Brothers ist pleite (Chapter 11 garantiert der Konkursmasse Gläubigerschutz (Schutz der Konkursmasse vor den Gläubigern, nicht Schutz der Gläubiger!).

Merrill Lynch ist eigentlich auch über den Rand des Abgrunds gerutscht, aber die Bank of America ist bereit, für das was Konkursmasse wäre, noch schlappe 50 Milliarden Dollar zu zahlen. Wahrscheinlich glaubt man dort, irgendwie über die Krise hinwegzukommen, und dann noch monopolnäher dazustehen. Mit allen Gewinnvorteilen für das Unternehmen, mit allen Nachteilen für Kunden und den Markt insgesamt.

J. P. Morgan hat das gleiche Risikospielchen bereits im März mit Bear Stearns durchgezogen. Damals gab es massiv staatliche Garantien, die den bittern Drops etwas süßer schmecken ließen.

Der Insurrektor will jetzt nicht die Ups and Downs der Endlosgeschichte von Freddie Mac und Fannie Mae durchhecheln, sondern nur kurz dazu bemerken, daß dort weiterhin die Verluste sozialisiert werden, während die Gewinne privat bleiben.

Auch für die anderen aktuellen Kollapskandidaten haben die Regierung und die Zentralbanken des Federal Reserve Systems Hilfestellungen angekündigt. Damit werden natürlich dann auch Ausfallrisiken direkt oder indirekt auf alle abgewälzt, während von den spekulativen Gewinnen, die die Hochrisikospiele in der Vergangenheit einbrachten, kein müder Greenback die Taschen der Anteilseigner verließ. Allenfalls die Steuern, aber die hatte die Regierung rechtzeitig minimiert…

Galt offiziell der Spruch, daß in den USA kein Unternehmen too big to fail sei, zeigt sich jetzt, daß selbst den strengsten Gegnern staatlicher Einmischung diese Doktrin wenig gilt. Wie kommt’s?

Bankenkrise = Staatsbankrott

Das Problem besteht (über Gebühr vereinfacht, aber für den heutigen Zweck ausreichend detailliert) in folgendem: Das Bankensytem schafft Liquidität weit über das Maß des tatsächlichen Bargeldumlaufs hinaus. Auf einen real existierenden Dollar kommen viele Dollars Geld. Diese Geldschöpfungsfunktion, wahrgenommen von den Zentralbanken und den Geschäftsbanken in systemischer Kooperation, basiert auf Vertrauen. Vertrauen in das verantwortliche Handeln der Zentralbanken, Vertrauen in die Liquidität der Geschäftsbanken.

Ist dieses Vertrauen verspielt, setzt sich der Eindruck durch, daß des Insurrektors Euro, des Amerikaners Dollar auf der Bank nicht mehr sicher ist, dann nimmt die Neigung zur Bargeldhaltung zu. Geld wird knapp, Liquidität wird vernichtet.

Geld aber ist der gesamten Wirtschaft, was Öl dem Motor – Schmiermittel. Fehlt es, gerät der Motor ins Stocken, nimmt Schaden, steht still. “Staatsbankrott” mag ein harsches Wort dafür sein, vielleicht auch unangemessen, weil nicht nur die Staatskasse an Liquiditätsschwund leidet, aber es trifft den Kern. Die Wirtschaft geht an Liquiditätsmangel ein.

Deswegen kann das Zentralbanksystem den Zusammenbruch des Systems der Geschäftsbanken nicht tolerieren. Koste es, was es wolle: das Vertrauen der Anleger in die Sicherheit ihrer angelegten Gelder muß erhalten werden. Daher sind große Banken tatsächlich too big to fail.

Leider ist das alles andere als trivial, wenn die Banken Liquiditätsspritzen, die die Zentralbank als Zinssenkung und/oder durch Offenmarktgeschäfte initiiert, aufsaugen wie ausgetrocknete Schwämme es mit a bisserl Wasser tun, statt die Liquidität dahin weiterzugeben, wo sie retten könnte. Keynesianisch und zugleich etwas flapsig gesprochen steckt man in der Liquiditätsfalle.

Und allen optimistischen Jaulern, die in den Stützungen durch den Staat jetzt die Rettung sehen, sei gesagt: Es ist nicht ausgemacht, daß die Sozialisierung der Verluste die Krise für mehr als ein paar Tage oder Wochen aufhält.

Not too big to fail – simply too big

Der Insurrektor möchte jetzt einmal optimistisch sein und annehmen, daß das Ende der Krise mit den jüngsten Firmen- und Risikoübernahmen tatsächlich erreicht ist. Dann haben wir im Ergebnis ein paar Großbanken weniger und diese wenigen sind größer.

Die Größe allein macht die verbleibenden Banken allerdings nicht sicherer. Es wird bloß wahrscheinlicher, daß staatliche Hilfen fließen, wenn mal wieder eine Krise auftritt. Und hier liegt nach des Insurrektors bescheidener Einsicht ein erstes gravierendes Problem:

Wenn ein Unternehmen, sei es ein Produzent von “Widgets” oder von “Geld”, also eine Bank, die Gewinne einstreicht, aber die wirklich hohen Verluste externalisieren kann, dann verändert es sein Risikoverhalten. Eine Unternehmenspolitik, die auf “kaufmännischer Vorsicht” basiert wird allmählich ersetzt durch eine, die auf kurzfristige Gewinnmaximierung ohne Ansehen des Risikos aus ist. Damit wird logischerweise das Verlustrisiko erhöht; die nächste Krise wird wahrscheinlicher.

Größere Banken bedeuten, daß größere Anteile am Gesamtgeschäft einer identischen Risikopolitik unterliegen. Dadurch ensteht eine Art Monokultur der Risikostrukturen. Und wie Wälder als Monokulturen anfälliger für bestimmte Schäden sind, so sind auch Wirtschaftssektoren als Monokultur anfälliger. Auch von hier wird ein zukünftige Krise nicht nur wahrscheinlicher, sondern auch wahrscheinlich folgenschwerer.

Oligopole und Monopole haben eine höhere Gewinnerwartung, weil sie zum einen Markteintrittsschranken besser setzen und verteidigen und zum anderen den im Vergleich zur “idealen Konkurrenz” höheren Monopolpreis (bzw. Oligopolpreis) für ihr Produkt / ihre Dienstleistung erzielen können. Damit wird uns das Bankensystem zwar nicht lieber, aber teurer.

Bereits jetzt sind die Banken zu groß. Die Krise ist nicht zuletzt durch die Risikomonokultur und die Netz-mit-doppeltem-Boden-Mentalität erzeugt worden. (Ein anderer Grund, den der Insurrektor später ausführlicher zu beschreiben gedenkt, liegt in der Marktintransparenz, die durch immer undurchschaubarere Derivate von Derivaten von selbst nur noch locker mit realwirtschaftlichen Vorgängen verbundenen Finanztiteln entstanden ist.)

Die Größe allein stellt noch ein weiteres Risiko an sich dar, denn jede Steuerung hat ihre maximale Reichweite, jede Führung ihre maximale Leitungsspanne. Wird der Bereich darüber hinaus vergrößert, sinkt die Qualität der Leitung. Die Oligopolisierung der Banken und Unternehmen in vielen anderen Sparten ist inzwischen soweit fortgeschritten, daß in zu weiten Bereichen der Privatwirtschaft der Marktmechanismus durch zentrale Lenkung ersetzt wurde. Mit den bekannten Effizienz- und Effektivitätsverlusten. (Auch hierzu wird der Insurrektor später mehr sagen müssen.)

Man könnte nach des Insurrektors bescheidener Ansicht das ökonomische Scheitern der sogenannten sozialistischen Staaten treffend damit erklären, daß sie nicht sozialistisch sondern staatsmonopolkapitalistisch waren. Ob aber der Staat oder ein Privatmann das Monopol zentralistisch lenkt ist von untergeordneter Bedeutung. (Das moralische Versagen derselben Staaten war und ist Thema des Insurrektors, und es wird in der Zukunft noch mehrfach in den Weg des Neuen Heckerzugs geraten.)

Zusammengefaßt des Insurrektors Thesen:

  • Die Banken sind nicht nur schon längst zu groß zum Scheitern; sie sind längst zu groß, und scheitern auch deswegen.
  • Wo Verluste sozialisiert werden müssen, da müssen auch die Gewinne der Gemeinschaft zufließen.
  • Was als Antitrustgesetzgebung einstmals die Größe von Konzernen beschränken sollte, muß konsequent auf Banken, aber nicht nur auf Banken, angewandt werden.
  • Die Schachtelungstiefe von Derivaten von Derivaten von… ist zu beschränken.
  • Finanztransaktionen ohne einen realwirtschaftlichen Hintergrund müssen einer Art Tobinsteuer unterliegen.

2 Antworten zu Too big to fail?

  1. [...] er wieder nicht ganz falsch liegt. Aber inhaltlich will der Insurrektor nicht wiederholen, was er hier, hier und hier bereits gesagt [...]

  2. [...] das erste Opfer), die oligopolistische Strukturen zerschlagen, die dazu führen, daß Großbanken too big to fail sind, weil sie simply too big sind, und zugleich noch den Einfluß einzelner Unternehmen auf das [...]

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