Vor ein paar Wochen brachte der Spiegel seine reißerisch aufgemachte Internetschelte unter der BILD-würdigen Überschrift „Macht das Internet doof?“ heraus. Darüber ist viel diskutiert worden, und auch der Insurrektor konnte sein Lästermaul nicht heraushalten. Auf die Schnelle zimmerte ich ein paar vorsätzlich etwas polemisch-provokante Zeilen zusammen.
Vielleicht reflektiert es die Hitze der Debatte, vielleicht ist es ein strukturelles Zeichen für den Zustand von Internet und (deutscher) Blogosphäre, jedenfalls entpuppte sich der kleine Splitter als der am häufigsten gefundene und wahrscheinlich auch gelesene Artikel des Insurrektors. Was dieser wahrlich nicht prognostiziert hätte.
Die „Erfolgsgeschichte“ ging aber weiter. Kürzlich hat der Kulturblogger des Insurrektors Grummeln in die Liste seiner Beispiele für die „heiße[n] Debatten [...,] natürlich auch und gerade in der sog. Blogosphäre“ zu diesem Thema aufgenommen.
Zurecht weist er in seinem Artikel auf folgendes hin:
Ein Punkt, der m.E. in dieser Diskussion zu kurz kam, ist die Tatsache, dass all der Schwachsinn, der ja unbestritten auch im Internet kursiert, durch dieses nicht erzeugt, sondern nur sichtbar gemacht wird. Der Preis der Vergesellschaftung der Medien und das damit einhergehende Anwachsen der kursierenden Datenmengen und -ströme ist, dass man vermehrt mit Inhalten konfrontiert wird, die für einen wertlos sind. Das Rauschen wird lauter und es wird schwieriger den Unterschied herauszuhören, der einen Unterschied macht.
Natürlich klingt darin Gregory Batesons Definition von „Information“ als „difference that makes a difference“ an (Form, Substance, and Difference in: Steps to an Ecology of Mind, S. 454 ff) . Worauf es mir hier aber ankommt ist, daß das Verhältnis des Lesers zur Quelle sich prinzipiell nur wenig geändert hat. Durch „Vergrößerung“, durch quantitative Ausweitung der Quellen der Information, ist vieles davon sichtbarer geworden, aber prinzipiell sehe ich noch nicht den Umschlag der Quantität in die Qualität.
Gehen wir etwas zurück in die „gute alte Zeit“ – sagen wir so 25 bis 30 Jahre. Damals war ich zufällig einmal in Frankfurt als pünktlich vor der Eröffnung der Buchmesse das Hüttendorf der Startbahn-West-Gegner gewaltsam geräumt wurde. Ich erfuhr davon aus dem Radio. Um herauszufinden, was wirklich geschehen war, mußte ich mich durch ein Dutzend verschiedener Zeitungsberichte wühlen und zusätzlich mit einigen Menschen reden, die zum Zeitpunkt der Räumung dort gewesen waren. Erst meine aktive Vergleichs-, Evaluierungs- und Abgleichsleistung erlaubte es mir, aus dem Rohmaterial „Information“ und schließlich „Wissen“ zu machen.
Die meisten taten das damals nicht. Diese Verwandlung vom Rohen zum Gekochten der Information (Lévi-Strauss möge mir die etwas sachfremde Anspielung verzeihen) überließen sie den „Journalisten ihres Vertrauens“, die ihre eigenen Quellen natürlich nur beschränkt offenlegten.
Das Internet nun macht die Nichtlinearität und die nichttriviale Verwandlung zwar nicht transparent, aber erkennbar. Der etablierte Blätterwald verliert damit seine Gurufunktion als Informationsmonopolist bzw. -oligopolist. Dem Leser obliegt dabei eine weitergehende Lektüreaktivität als er sie aus der klassischen Presse gewohnt ist.
Der Unterschied zwischen dem Rauschen im Blätterwald und dem im virtuellen Dschungel besteht vielleicht primär darin, daß letzter eine größere Vielfalt anbietet. Mit der Chance, daß ein kritischer, nicht bereits „doofer“, Leser besser in der Lage ist eine eigene Meinung zu generieren und schließlich zum Ziel, der Information zu gelangen.
Noch einmal in den Worten des Kulturbloggers:
Die Internetschelte macht zudem deutlich, wie viele Leute in ihren Kommunikationsvorstellungen von einem linear gedachten Sender-Empfänger-Modell geprägt sind: Einer sendet eine Information (aktiv), der andere empfängt sie (passiv).
Das Risiko ist dann allerdings, daß die lediglich passiv konsumierenden Rezipienten zwar nicht „doofer“ als die Zeitungsleser werden, aber eine größere Pluralität an Protoinformationen repräsentieren. Wieweit Mechanismen, die entfernt an Märkte erinnern, hier die evolutionäre Selektion übernehmen können und werden, ist ungewiß.
Der Insurrektor ist da hoffnungsvoller als wenn er sich auf die Ordnungsstiftung durch Lohnjournalisten verlassen müßte. Schließlich haben Evolutionen tatsächlich schon Erfolg gehabt.
Die „Doofheit“, um die es in dieser Debatte vermeintlich geht, ist so gesehen bloß die Unterstellung der Faulheit kombiniert mit der selbsternannten Gurus nie fremden Grundannahme, sie seien die Lösung des Problems, das sie erst konstituieren, um ihre Fortexistenz zu rechtfertigen.