catocon und der Insurrektor hatten eine heftige und polemisch ausufernde Debatte, ohne die mein heutiger Artikel völlig unverständlich wäre. Daher empfehle ich, vor dem Weiterlesen erst die Vorgeschichte nachzulesen…
Damals – Ist es wirklich 11 Tage her? – gab catocon der Auseinandersetzung mit einem gütlichen Vorschlag eine neue Wendung, auf die ich eigentlich sofort mit einem “versöhnlichen Nachwort” reagieren wollte, aber… Nun denn; besser spät als nie.
Nach dieser Beantwortung des Artikels möchte ich fünf Punkte nennen, auf die ich mich, wie ich hoffe, mit dem Insurrektor einigen kann:
(1) Veränderung ist in einer Gesellschaft ebenso notwendig und unverzichtbar, wie die gelegentliche Bewahrung des Ererbten.
Ich werde kurz auf jeden der fünf Punkte eingehen. Im Gegensatz zu dem Komma in der Formulierung sind in der Tat Veränderung und Bewahrung beide unverzichtbar. Gesellschaften evolvieren, so daß es eine notwendige Dialektik von Variation/Mutation und Selektion gibt. Nirgends in natürlichen Evolutionen gibt es ein vollständiges Neudesign; vielmehr springt die Entwicklung in kleinen Sprüngen, und was nicht “paßt”, wird vom “großen Ordner Tod” beseitigt.
Auf dieser Diskursebene stimme ich insofern bedingungslos zu. Wir setzen allerdings unterschiedliche Schwerpunkte, catocon und ich. Meine Akzente – in dieser Debatte, nicht generell – liegen auf der Generierung der Variation und auf der Rückführung der früheren Veränderungen, die sich nicht bewährt haben. catocon betont dagegen die Abwehr gegen Veränderungen und die Erhaltung der “bewährten” Änderungen. Strittig ist, welche Institution oder Regel in welche Kategorie fällt. (siehe auch unten)
Nun ist die gesellschaftliche Evolution nicht einfach biologistisch zu betrachten. Dennoch kommt es nach meiner Auffassung darauf an, daß Gesellschaften und Staaten in dem Sinne lebensfähig sind, in dem man Stafford Beer‘s Begriff des “viable system” mit “lebensfähiges System” übersetzen kann. Einfacher ellenbogengesellschaftlicher Sozialdarwinismus hat damit nichts zu tun und hat auch nach meiner Auffassung keine Berechtigung ausserhalb der Meinungsfreiheit, die auch das Recht auf eine falsche Meinung umfaßt.
(2) Entscheidungen über die Frage, ob eine bestehende Ordnung geändert werden soll, und wie, sollten auf möglichst niedriger Ebene entschieden werden, indem man das Subsidiaritätsprinzip konsequent anwendet.
Auf Subsidiarität können wir uns problemlos einigen. Was keiner kommunalen Regelung bedarf, bleibe dem Einzelnen überlassen, es sei denn, diese delegieren Regelungsbefugnis an die Ebenen von Familien, Hausgemeinschaften, Vereinen… Darüber türme sich eine Hierarchie von Regierungsbezirken, Ländern, Staaten, Staatenbünden…
Entscheidend ist, daß nicht die höhere Ebene darüber entscheidet, was einer einheitlichen Regelung bedarf, sondern daß sie “von unten” beauftragt wird, möglichst einvernehmlich eine solche herbeizuführen. Und, daß diese Befugnis widerruflich ist.
(3) Die Frage nach der Notwendigkeit und der Gestalt von Veränderungen läßt sich nur mit Bezug auf ein bestimmtes Thema beantworten, d.h. sie bedarf bei jedem Thema einer neuen Antwort, die im demokratischen Prozeß gefunden werden sollte.
Auch hier stimme ich uneingeschränkt zu. Wie in der Anmerkung zum “Punkt 1 von 5″ bereits angedeutet, muß zu jedem Änderungsvorschlag separat argumentiert werden. Das gehört im Detail aber in andere Artikel als diesen.
(4) Der Einsatz von physischer Gewalt zur Beeinflussung der politischen Ordnung ist in Wahldemokratien grundsätzlich falsch – ob zum Erhalt einer Ordnung oder zu deren Umsturz.
Ich stimme hier zu. Eine mögliche Ausnahme wäre z. B die staatsstreichartige Abschaffung der Wahlen und der Demokratie, gegen die ein Widerstandsrecht besteht. Wie es im Grundgesetz in Artikel 20, Absatz 4 heißt:
Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist.
Der Insurrektor geht davon aus, daß in der Regel “andere Abhilfe” möglich ist. Darüber hinaus kann auch in diesen Fällen der zulässige Widerstand nur äußerst ausnahmsweise “gewaltsam” sein, und sollte sich normalerweise ohne “physische Gewalt” äußern.
(5) Catocon und der Insurrektor haben zu verschiedenen politischen Themen fundamental unterschiedliche Positionen, die nicht Gegenstand dieser Grundsatzdebatte sein sollten, da sie nicht der Klärung des Themas beitragen, sondern nur dessen Polemisierung und Eskalation fördern. (Agree to disagree)
I agree we disagree.
Anderen Artikeln bleibe es vorbehalten, diese Themen einzeln aufzugreifen. Dann mag zu den Details heftig debattiert werden
Hiermit könnte das Nachwort des Insurrektors enden. Auf eine Bemerkung, denke ich, ist dennoch kurz einzugehen. Da schreibt catocon:
Allerdings ist es eine Fiktion, daß die Menschen in Deutschland arme, geknechtete, unterdrückte Folteropfer wären, die unbedingt befreit werden müßten. Sicher ist die Demokratie in Deutschland nicht so ausgeprägt, wie ich es mir wünschen würde. [...] Fundamental ist Deutschland aber ein im historischen und internationalen Vergleich relativ freies Land, dem es wirtschaftlich sehr gut geht, und das die Verwerfungen in der Gesellschafts- und Sozialstruktur der letzten 40 Jahre besser überstanden hat als die Mehrzahl der betroffenen Länder. Daher glaube ich, daß der Insurrektor viele Ziele finden könnte, die seiner Veränderungswut eher bedürften, als Deutschland.
Ich stimme zu, daß sowohl im zwischenstaatlichen als auch im diachronischen Vergleich die BRD gut abschneidet. Bemerkungen zu Verhältnissen andere Länder werden sich in diesem Blog mit der Zeit auch einfinden, ebenso historische Kommentare. Dennoch lebt und schreibt der Insurrektor hier (BRD) und jetzt (2008).
Es mag anderswo schlimmer sein, aber das sollte uns primär dazu bewegen, alles zu tun, daß es hier nicht auch so wird.
Es mag früher schlimmer gewesen sein, aber daraus sollten wir die Konsequenz ziehen, uns dafür einzusetzen, daß es nicht wieder so wird.
Es können auch Verschlechterungen “in der Mache” sein, gegen die es anzuschreiben gilt.
Vor allem aber gibt es trotz der relativ guten Position genug zu verändern. Mit und ohne “Wut”. Denn:
Die Bundesrepublik Deutschland hat sich auf den richtigen Weg gemacht; es ist an uns, Sorge zu tragen, daß sie auf diesem bleibt – und weiter voranschreitet.
Verfasst von insurrektor