Aktuell wird wieder viel darüber diskutiert, wieder in die Atomkraft zu investieren, oder wie man gerne sagt, “aus dem Ausstieg auszusteigen”. Selbst Schweden, so hört man, will den Schritt gehen. Noch ist die SPD offiziell dagegen, und damit wäre der Schritt derzeit politisch nicht durchsetzbar.
Ob das so bleibt ist angesichts der bekannten Beständigkeit der Spezialdemokraten nicht sicher; noch weniger sicher ist, ob die Genossen nach der nächsten Wahl für die CDU als Wurmfortsatz überhaupt noch nötig sein werden. Und mit den Westerwellen ist der Wiedereinstieg sicher machbar.
Dabei gibt es in etwa null Gründe, die wirklich für Kernenergie sprechen. Und jede Menge Gründe dagegen. Der Insurrektor möchte diese hier und heute nur kurz kommentiert auflisten.
Bei alldem sollte man das offene Geheimnis nicht vergessen, daß Kernkraftwerke selber risikoreiche Anlagen sind. Harrisburg, Tschernobyl – das sind nur die Spitzen einiger Eisberge. Regelmäßig werden wir von Kleinunfällen überrascht, deren Auftreten kaum noch jemanden überrascht. Überraschen würde es nicht, wenn auch die berichteten “Kleinunfälle” nur den nicht mehr verschweigbaren Bruchteil der tatsächlichen Unfälle bildeten.
Neben diesem allgemein bekannten, aber immer wieder gern verdrängten und abgeleugneten Aspekt gibt es aber eine Reihe anderer, die selten erwähnt werden, aber in ihrer Gesamtheit die Argumentation gegen Atomkraft erst vollständig werden lassen.
Atomstrom ist nur scheinbar billig
Kernenergie ist, anders als die Lobbyisten uns dauernd erzählen, eine sehr teure Energie. Daß die Industrie dennoch auf Kernenergie zu setzen scheint, liegt daran, daß zum einen die Kraftwerke bereits existieren und amortisiert sind. Mit ihrer Hilfe kann die Energiewirtschaft heftigst Deckungsbeiträge abschöpfen.
Zum anderen wird, in tückisch versteckter Weise, die Kernenergie hoch subventioniert. Der Löwenanteil steckt in der Beschränkung der Haftung im Un-Fall, die das Atomgesetz ausspricht. Normalerweise müßte, bei unbeschränkter Haftung, der Betreiber eine prohibitiv teure Versicherung abschließen. Aufgrund der GAU-Freikarte aber kann er es sich sparen; die Kosten der Haftung tragen wir alle.
Atomstrom ist Energieverschwendung
Zudem ist Kernenergie viel stärker als jede andere Energieform auf eine hochzentralisierte Versorgungsstruktur angewiesen. Die Leitungsverluste sind jedoch einer der größten Primärenergieverbraucher überhaupt. (Hier möchte der Insurrektor nur am Rande anmerken, daß das natürlich auch bei erneuerbaren Energien gilt, weswegen zentrale Großanlagen – ob auf Wind, Wasser oder Sonne basierend – dort nur ausnahmsweise anzuraten wären.)
Natürlich weiß die Energiewirtschaft das. Darum baut sie, wo immer es geht, ihre Kraftwerke dahin, wo die Energie tatsächlich verbraucht wird. Für den privaten Haushalt bedeutete das, Minikraftwerke in den Keller jedes Hauses zu stellen und jedes Dach mit Solarzellen auszustatten.
Nur am Rande sei noch erwähnt, daß die Kohlendioxidbilanz des Atomstroms bei weitem nicht so gut aussieht wie man uns weismachen will. Die Manipulatoren der Atomlobby tun nämlich so, als ob es ausschließlich auf die eigentliche Verstromung ankäme. Tatsächlich wäre aber der gesamte Produktionszyklus zu betrachten, von der Suche nach Uranvorkommen bis zum Ablauf der Endlagerfrist in etlichen Milionen Jahren.
Atomstrom fördert Bomben
Die hochentwickelten Länder können, wenn sie selber auf Nuklearenergie setzen, nicht glaubwürdig den Schwellen- und Entwicklungsländern bessere Produktions- und Distributionsformen vorschreiben. Aber ein Kernkraftwerk in einem instabilen Land, gar in einem potentiell verfeindeten Land, ist der erste Schritt, dieses Land auch militärisch nuklear aufzurüsten. Wenigstens eine schmutzige Bombe läßt sich ohne Hochtechnologie aus dem radioaktiven Abfall jederzeit bauen.
Damit trägt die Verbreitung der Kernenergie bei uns zu ihrer weltweiten Verbreitung bei, und damit auch zur Weiterverbreitung von Atomwaffen. Dies im krassen Widerspruch zu den Zielen des Atomwaffensperrvertrags (non-proliferation treaty) und zu globalen Sicherheitsüberlegungen. Wir proliferieren Nukleartechnologie.
Fehlallokationen
Wie auch beim Öl und bei der Kohle handelt es bei kernenergetisch nutzbaren Rohstoffen um in begrenzter Menge vorhandene Materialien. Egal, wie man die Vorräte einschätzt – sie schrumpfen. Damit kommt man vom Regen der Ölabhängigkeit in die Traufe der Urandependenz.
Die Wette auf Kernenergie führt auf diese Weise zu einer Fehlallokation von Forschungsressourcen im Energiesektor. Anstatt in wirklich zukunftsträchtige Technologien zu investieren, wird der kaum noch steigende Eigenbedarf an Strom in den Industriestaaten in Nuklearanlagen gebunden, und wir verpassen eine erstklassige Chance, an der Spitze der Entwicklung zu bleiben. Gerade für eine Wissensgesellschaft eine fatale Fehlsteuerung.
Das Urteil: Atomkraft Nein DANKE!
Zusammenfassend kann der Insurrektor nur sagen: Egal, unter welchem Aspekt man die Frage der Kernenergie betrachtet, schneidet diese schlecht ab. Sie ist, genau betrachtet, ein Relikt aus den Fünfzigern; eingeführt nur, weil man darin die Option, Nuklearmacht zu werden, nicht verstreichen lassen wollte. Um dem Volk den Bissen schmackhaft zu machen, wurden allerlei Legenden gestrickt, von denen keine einzige sachhaltig ist. Diese Legenden verkleistern noch viele Hirne.
Nietzsche definierte einst den Phantasten als einen Lügner, der seine eigene Märchen glaubt. Der Insurrektor ist sich nicht sicher, ob die, die uns jetzt zu einem “Ausstieg aus dem Ausstieg” raten, in diesem Sinne “Phantasten” sind – oder doch nur einfache, zynische Lügner.
Verfasst von insurrektor